Gedanken zum Krieg: Der britische Soldat und Kriegsdichter Siegfried Sassoon und seine Erklärung “Finished with the War: A Soldier’s Declaration” aus dem Jahr 1917 (Veröffentlicht am 07.09.2026)

Auf diesem Blog wurden bereits wiederholt Antikriegsgedichte britischer Dichter aus der Zeit des Ersten Weltkrieges wiedergegeben, die verschiedene Aspekte des Krieges in zeitlosen Worten beschreiben, z. B. solche von MacLeish, McCrae, Binyon, Brooke oder Flint.

Besonders außergewöhnlich ist die Geschichte des britischen Soldaten und Kriegsdichters Siegfried Sassoon, die hier deshalb ausführlicher geschildert werden soll.

 

I.   Freiwilliger Einsatz im Ersten Weltkrieg

Siegfried Loraine Sassoon, geb. am 8. September 1886 in Matfield/Kent, gest. am 1. September 1967 in Heytesbury/Wiltshire, war ein britischer Dichter und Offizier, der vor allem durch seine radikal pazifistischen und antimilitaristischen Gedichte über den Ersten Weltkrieg bekannt wurde.

Sassoon entstammte einer wohlhabenden Familie und studierte zwischen 1905 und 1907 in Cambridge Geschichte, ohne jedoch einen Abschluss zu erlangen. Er verbrachte seine Zeit zunächst mit Jagen, Cricket und dem Schreiben privat veröffentlichter Gedichte. Anfang August 1914 meldete er sich freiwillig zum Einsatz im Ersten Weltkrieg, wo er zunächst dem Sussex Yeomanry Regiment angehörte. Ab Mai 1915 war als Offizier bei den Royal Welch Fusiliers, mit denen er ab November 1915 an der Westfront in Frankreich eingesetzt wurde. Dort erlebte er die Brutalität des Stellungskrieges, was den Ton seiner Gedichte grundlegend änderte. Waren diese zunächst eher romantisch verklärt, zielten sie nun verstärkt darauf ab, einem bislang von patriotischer Propaganda eingelullten Publikum die hässlichen Wahrheiten der Schützengräben zu vermitteln.

Zunächst durchaus patriotisch eingestellt, erlangte er mit draufgängerischem soldatischem Einsatz öffentliche Aufmerksamkeit. Mehrfach verwundet, mit dem Military Cross für Tapferkeit ausgezeichnet und sogar für das Victoria Cross, die höchste britische Kriegsauszeichnung, vorgeschlagen, verweigerte er nach einem Lazarettaufenthalt in England im Juli 1917 mit der Erklärung “Finished with the War: A Soldier’s Declaration”, einem öffentlichen Bekenntnis gegen den Krieg, die Rückkehr an die Front.

 

II.   “Finished with the War: A Soldier’s Declaration”

Seine Erklärung hatte folgenden Wortlaut (Übersetzung aus der englischen Sprache):

 

„Ich gebe diese Erklärung als Akt des bewussten Ungehorsams gegenüber der militärischen Autorität ab, weil ich der Überzeugung bin, dass der Krieg von jenen, die die Macht haben, ihn zu beenden, absichtlich in die Länge gezogen wird. Ich bin Soldat und davon überzeugt, dass ich im Namen der Soldaten handle. Ich glaube, dass der Krieg, in den ich als Verteidigungs- und Befreiungskrieg eingetreten bin, nun zu einem Angriffs- und Eroberungskrieg geworden ist. Ich glaube, dass die Ziele, für die ich und meine Kameraden in diesen Krieg gezogen sind, so klar hätten formuliert werden müssen, dass eine Änderung unmöglich gewesen wäre, und dass, wäre dies geschehen, die Ziele, die uns antrieben, nun durch Verhandlungen erreichbar wären.

Ich habe das Leid der Truppen gesehen und ertragen, und ich kann nicht länger daran mitwirken, dieses Leid für Ziele zu verlängern, die ich für böse und ungerecht halte. Ich protestiere nicht gegen die Art und Weise, wie der Krieg geführt wird, sondern gegen die politischen Fehler und Unaufrichtigkeiten, für die die kämpfenden Männer geopfert werden.

Im Namen derer, die jetzt leiden, erhebe ich diesen Protest gegen die Täuschung, der sie ausgesetzt sind; außerdem glaube ich, dass dies dazu beitragen kann, die gefühllose Selbstgefälligkeit zu zerstören, mit der die Mehrheit der Menschen zu Hause die Fortsetzung von Qualen betrachtet, an denen sie keinen Anteil haben und für deren Vorstellbarkeit ihnen die Vorstellungskraft fehlt.“

 

Das britische Kriegsministerium bestrafte ihn nicht, sondern verlegte ihn als „nicht mehr kriegsverwendungsfähig“ in ein Lazarett für traumatisierte Offiziere, das Craiglockhart War Hospital bei Edinburgh, wo er offiziell wegen sog. „shell shock“ behandelt wurde.

 

III.   Zusammentreffen mit Wilfred Owen

Dort traf er auf den damals noch unbekannten, später ebenfalls als kritischer Kriegsdichter weltbekannten Wilfred Owen, dessen Schreiben er, der bereits einen Namen als Kriegsdichter hatte, förderte und unterstützte. Unter seinem Einfluss schrieb Owen einige seiner berühmtesten Werke, darunter „Dulce et Decorum Est“ und „Anthem for Doomed Youth“. Beide Männer kehrten später in den aktiven Dienst in Frankreich zurück, wo Owen am 4. November 1918, eine Woche vor dem Waffenstillstand, getötet wurde. Sassoon wurde später zu einem wichtigen Bewahrer von Owens literarischem Erbe und half dabei, dessen Gedichte bekannt zu machen.

 

IV.   Ausscheiden aus der Armee und Haltung zum Zweiten Weltkrieg

Siegfried Sassoon wurde im Juli 1918 ein weiteres Mal verwundet. Er überlebte den Krieg, schied jedoch 1919 aus gesundheitlichen Gründen aus der Armee aus.

Er wurde durch seine Erfahrungen im Ersten Weltkrieg zu einem entschiedenen Gegner des Krieges in der von ihm dort erlebten Form, nicht aber zu einem absoluten Pazifisten. Bei Beginn des Zweiten Weltkriegs unterstützte er grundsätzlich den Kampf gegen Hitler und den Nationalsozialismus, wenngleich er aufgrund seines Alters nicht mehr selbst am Krieg teilnahm.

 

V.   Letzte Lebensjahre

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Sassoon zunehmend religiös und lebte zurückgezogen auf seinem Landsitz in Wiltshire, wo er sich weiterhin dem Schreiben widmete.

Er verstarb 1967, wenige Tage vor seinem 81. Geburtstag.

 

 

(Titelfoto: Grabsteine auf dem britischen Soldatenfriedhof Reichswald bei Kleve,
November 2025)

 

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