Feldpostbriefe: Brief einer Mutter an Adolf Hitler nach dem deutschen Einmarsch in das Sudetenland im September 1938 (Veröffentlicht am 20.09.2022, zuletzt geändert am 06.04.2026)
I. Die kritischen Stimmen der Wenigen
Neben weitreichender Zustimmung zu den Ideen und Plänen der Nazis in der damaligen deutschen Bevölkerung gab es auch immer wieder skeptische Stimmen, die zu Vernunft und zur Wahrung des Friedens aufriefen. Sicherlich waren es verhältnismäßig wenige, die ungeachtet der drohenden schwerwiegenden Konsequenzen ihre Stimme erhoben und offensiv für ihre Vorstellungen eintraten.
II. Brief einer Mutter an Adolf Hitler im September 1938
Zu diesen Stimmen gehört der Brief einer namentlich nicht bekannten Mutter an Adolf Hitler, die nach dem deutschen Einmarsch in das Sudetenland im September 1938, rund ein Jahr vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, in flammenden Worten für die Erhaltung des Friedens appelliert.
Sie schrieb (Quelle: Lilli Vetter, Briefe aus jener Zeit (1948), S. 87 f.):
„An Adolf Hitler
Sie müssen es wissen, dass Tausende von Müttern in diesen Tagen um den Frieden beten — die Mütter, deren Männer im Weltkrieg fielen, deren Söhne die Väter nicht kennen, weil fremde Erde diese schon deckte, als der Sohn zur Welt kam.
Diese Söhne sind nun erwachsen. Noch einmal blühen in den Müttern die Hoffnungen auf, die der frühe Tod der Männer schon einmal im Keim erstickte.
Sie, Führer, leben unter Männern, und in den Tagen der Entscheidung werden Sie auf die Worte dieser Männer hören und kaum den Rat von Frauen einholen.
Aber bevor Sie das Zeichen geben, das die Kriegsfurie aufs Neue entfesselt, hören Sie das Wort einer Mutter, die Ihnen zuruft: Gehen Sie in die Säle, wo die kreißenden Frauen mit dem neuen Leben ringen, hören Sie die Angstschreie der Gebärenden, erleben Sie die Hölle mit, die jede Frau durchlebt, ehe sich das neue Leben aus ihr losreißt und sie — in alle Abgründe des Schmerzes gestürzt, auf alle Gipfel der Verzweiflung geworfen — nichts als hilflose Kreatur ist, mit der nackten Todesangst im Gesicht, bis endlich sich das neue Leben löst und die gepeinigte Kreatur zur lächelnden Madonna wird, auch das unscheinbarste, armseligste Wesen verklärt und geheiligt durch das Mutterglück, durch das Neugeborene, das sie nun im Arm hält und um das sich alle ihre Träume, alle ihre Wünsche, alle ihre Hoffnungen ranken. —
Frauen sind nicht feige. Jede Frau, die sich das zweite, dritte Mal und öfter in die Schrecken der Geburt begibt, ist so tapfer wie der tapfere Soldat, der sein Leben wagt. Freilich, Frauen sind Soldaten des Lebens, nicht des Todes. Für das Leben kämpfen sie, für das Leben leiden sie; denn sie empfangen das Leben, sie tragen das Leben und sie hüten das Leben. Soldaten des Todes sind die Männer. Klaglos gingen unsere Männer in den Tod. Klaglos werden unsere Söhne dasselbe tun, wenn es von ihnen verlangt wird.
Aber ehe Sie den Befehl geben, der diese Söhne den Vätern nachschickt, blicken Sie nach Osten, und blicken Sie nach Westen, blicken Sie auf die hunderttausend verstreuten Kreuze. Richten Sie zuerst Ihre Blicke auf die Mütter und dann auf die Kreuze. —
E R H A L T E N S I E U N S D E N F R I E D E N !”
Genutzt hat es bekanntlich nichts, vergebens war es trotzdem nicht.
III. Lilli Vetter, Briefe aus jener Zeit
Bemerkenswert ist auch die Quelle dieses Briefes, das Buch „Briefe aus jener Zeit“, herausgegeben im Jahr 1948 von Lilli Vetter. Es ist eine Sammlung von Dokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, die Einblicke in die Gedankenwelt verschiedener Menschen während der NS-Zeit bieten und dazu dient, das Grauen und den Widerstand im „Dritten Reich“ durch Primärquellen aus unterschiedlichen Bereichen zu dokumentieren.
Es enthält u.a. Abschiedsbriefe und Nachrichten von Widerstandskämpfern, Mütterbriefe, Soldatenbriefe sowie Kinder- und Jugendbriefe und bildet damit ein breites gesellschaftliches Spektrum jener Ära ab.
(Titelfoto: Soldatenfriedhof Hürtgen, August 2022)
Meine Arbeit können Sie hier unterstützen, vielen Dank!