Feldpostbriefe: Brief des US-Soldaten Walter J. Slatoff an seinen Sohn während des Zweiten Weltkriegs (Veröffentlicht am 28.12.2022, zuletzt geändert am 30.03.2026)
I. Die 78. US-Infanteriedivision
Eine der im vor allem Ende 1944 und Anfang 1945 an Brennpunkten der Kämpfe im Hürtgenwald eingesetzten US-Einheiten war die 78. US-Infanteriedivision, die „Lightning“-Division. Sie kämpfte u. a. um Westwall-Bunker im Bereich Raffelsbrand und in den schweren Kämpfen um Kesternich.
II. Brief von Walter J. Slatoff an seinen Sohn über den Krieg
Zu ihrem 310. Infanterieregiment gehörte Walter Jacob Slatoff, späterer Professor für englische Literatur an der Cornell University. Er hat für seinen Sohn die Bedeutung von Krieg in bewegende Worte gefasst und ihm die unbedingte Erhaltung des Friedens ans Herz gelegt. Sein Brief wurde in der Divisionsgeschichte der 78. US-Infanteriedivision abgedruckt, er lautet wie folgt (Quelle: Brubeck/Hollins, The story of the 310th infantry regiment, 78th infantry division in the war against Germany, 1942-1945, S. 8 f. [Übersetzung aus der englischen Sprache]):
More terrible than all the words
(“Furchtbarer als alle Worte”)
„MEIN SOHN:
Der Krieg ist schrecklicher, als alle Worte der Menschen sagen können; schrecklicher, als der Verstand eines Menschen begreifen kann.
Es ist der Leichnam eines Freundes; vor einem Moment noch ein lebendiger Mensch mit Gedanken, Hoffnungen und einer Zukunft – genau wie Du selbst – jetzt nichts mehr.
Es sind die Augen von Männern nach einer Schlacht, wie trübes Wasser, lichtlos.
Es sind Städte – verlorene Arbeit von Generationen – jetzt staubige Haufen von zerbrochenen Steinen und gesplittertem Holz – tot.
Es ist der totale Schmerz von hundert Millionen Menschen, die von ihren Lieben getrennt wurden – manche für immer.
Es ist die Unmöglichkeit, eine Zukunft zu planen; die Ungewissheit, die jeden hoffnungsvollen Traum verhöhnt.
Denk daran! Es ist die Realität dieser Dinge – nicht die Worte.
Es ist das Geräusch einer explodierenden Granate; ein Moment der Stille, dann der gellende Schrei ‚SANITÄTER!‘, der eilig von Kehle zu Kehle dringt.
Es ist das Stöhnen und der Schmerz der Verwundeten und der Ausdruck auf ihren Gesichtern.
Es ist das Weinen der neuen Soldaten vor der Schlacht und das noch lautere Schweigen danach.
Es ist der Dreck, der Juckreiz und der Hunger, das unendliche körperliche Unbehagen, das Gefühl, ein Tier zu sein, die tiefe Müdigkeit, die zum Sterben einlädt.
Es ist der Kampf, der Verwirrung, Angst, Hass, Tod, Elend und vieles mehr bedeutet.
Die Realität – nicht die Worte. Denk daran!
Es ist das böse, kichernde Wissen, dass das Gesetz des Durchschnitts jeden Soldaten früher oder später einholen wird, und die schreckliche Hoffnung, dass dies in Form einer Verwundung geschieht und nicht durch Verstümmelung oder Tod.
Es sind Jungen von 19 Jahren, die vielleicht in der Schule sein oder im Park flirten könnten; Ehemänner, die ihren Frauen von einer Gehaltserhöhung erzählen könnten – zärtlich und mit glücklichen Augen; Väter, die ihren Söhnen das Werfen eines Balls beibringen könnten – strahlend vor Stolz. Es sind diese Männer, deren Münder und Wesen hässlich vor Hass und Angst sind und die ein Bajonett in den Körper anderer Männer treiben.
Es ist die ‚Kampfmüdigkeit‘ [‚battle fatigue‘], eine schöne Bezeichnung dafür, dass man mehr eingesteckt hat, als Hirn und Herz ertragen können, und sich in eine unwirkliche Schattenwelt flüchtet.
Es sind die Verstümmelten, die nach Hause kommen; Mitleid fürchtend, Versagen fürchtend, das Leben fürchtend.
Es sind viele Millionen kostbare Jahre verlorener Menschenleben, und die Beobachtung des Verlustes Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, bis die Hoffnung zu einem hässlichen, höhnischen Ding wird.
Denk daran! Merke Dir diese Dinge und multipliziere sie mit der größten Zahl, die Du kennst. Dann wiederhole sie immer und immer wieder, bis sie lebendig und brennend in Deinem Geist sind.
Denk daran! Merke Dir, worüber wir sprechen. Nicht Worte, nicht Soldaten, sondern Menschen, die genau so sind wie Du.
Und wenn Du es so fest im Kopf hast, dass Du es nie vergessen kannst, dann suche danach, wie Du den Frieden am besten bewahren kannst. Arbeite hart daran, mit allen Mitteln des Denkens und der Liebe, die Du hast. Ruhe nicht, bis Du zu jedem Menschen, der jemals für das Glück der Menschen gestorben ist, sagen kannst: ‚Du bist nicht umsonst gestorben.’“
Cpl. Walter J. Slatoff
Reg. Hq. Co. 310 Inf.
III. Lebensdaten
Walter J. Slatoff, geboren am 01/03/1922 in Manhattan, New York County/USA, überlebte den Zweiten Weltkrieg und unterrichtete von 1955 bis zu seinem Ruhestand im Jahr 1989 englische Literatur an der Cornell University. Er starb am 16/02/1991 in Ithaca, Tompkins County/USA.
(Titelfoto: US-Soldatenfriedhof Henri-Chapelle/Belgien, Oktober 2018)
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