Feldpostbriefe: Die Briefe des Adelbert Rühle, 1939 bis 1942 – Teil 3 (Veröffentlicht am 14.05.2024)


Feldpostbriefe und ihre Bedeutung für die heutige Zeit

Bei den Recherchen nach Julius Erasmus kommt man zwangsläufig mit Feldpostbriefen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in Berührung. Seien es Mitteilungen über den Tod eines Soldaten, geschrieben von dessen Vorgesetztem an seine Angehörigen, die später Herrn Erasmus als Anhaltspunkt für eine Grabsuche übermittelt wurden oder andere Schriftwechsel zwischen im Krieg befindlichen Soldaten und ihren Familien zu Hause. Ich befasse mich seither auch näher mit Feldpostbriefen aus der damaligen Zeit.

Feldpostbriefe sind wertvolle Zeitdokumente, die gerade in Zeiten wie den gegenwärtigen ihre zeitlose Botschaft entfalten und einen anschaulichen Eindruck darüber vermitteln, was Krieg für alle Beteiligten bedeutet. Sie sind ein wertvolles Werkzeug, um schon den Anfängen eines erneuten Strebens nach Krieg zu wehren und vielleicht dazu beizutragen, dass sich Geschichte nicht einmal mehr und mit abermals grausigen Folgen für die Menschheit wiederholt. Derzeit wird wieder einmal mit aller Macht für den Krieg, Waffen und das Töten von Menschen in großem Maßstab getrommelt, obschon man jahrzehntelang die vage Hoffnung haben konnte, dass die Menschheit aus den schmerzhaften Erfahrungen insbesondere zweier Weltkriege ihre Lektion endlich einigermaßen gelernt hat. Es scheint leider abermals nicht der Fall zu sein.

Vor diesem Hintergrund sollen hier in der Rubrik „Feldpostbriefe“ von Zeit zu Zeit entsprechende Briefe oder Briefauszüge aus unterschiedlichen Quellen veröffentlicht werden, um mit Nachdruck daran zu erinnern, was Krieg für die Menschen und die Menschheit bedeutet. Um einen Denkanstoß zu liefern und in der unerschütterlichen Hoffnung, dass dies einen Unterschied machen möge.

 

Die Auswirkungen politischer Indoktrinierung auf Kinder und Jugendliche

Zu den erschütterndsten Belegen dessen, was politische Propaganda vermag, gehören Feldpostbriefe junger deutscher Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg, wie sie auf diesem Blog bereits veröffentlicht wurden (vgl. z. B. den Brief von Franz Krügner). Von Kindesbeinen an der „Erziehung“ im Sinne der herrschenden Ideologie ausgesetzt, hatten sie diese so tief verinnerlicht, dass sie es oft kaum abwarten konnten, Soldat werden und ihren Beitrag zur Umsetzung der ihnen als alternativlos vermittelten Ziele leisten zu dürfen.

 

Die Feldpostbriefe des Adelbert Rühle

Zu diesen Soldaten gehörte Adelbert Rühle, geboren am 23.09.1923 in Posen. Noch nicht einmal 16 Jahre alt, meldete er sich im Herbst 1939 freiwillig zum Dienst an der Waffe. Er fiel am 07.08.1942 als Leutnant der 6./InfRegt 120 (mot.) bei Kalatsch/Russland und wurde auf dem Soldatenfriedhof Krassnye Skodowad bei Kalatsch beerdigt. Beginnend als Rekrut während seiner Grundausbildung im Oktober 1939 bis zu seinem Tod an der Ostfront im August 1942 schrieb er zahlreiche Feldpostbriefe an seine Familie, in denen er sein Seelenleben und seine soldatische Motivation in aus heutiger Sicht mitunter nur schwer zu ertragender Offenheit beschrieb.

Seine Briefe wurden noch zu Kriegszeiten in dem Büchlein „Die Feldpostbriefe des Adelbert-Ottheinreich Rühle 1939 – 1942“ veröffentlicht, um gemäß der damaligen Propaganda „die seelische Entwicklung eines deutschen Jungen zum Soldaten, zum Offizier“ aufzuzeigen (so das Vorwort a.a.O., S. 5). Im Jahr 1979 erfolgte eine Neuveröffentlichung, nun verbunden mit der Mahnung zur Besinnung und zum Frieden (Vorwort a.a.O., S. 6).

Die Briefe von Adelbert Rühle sind eine zeitlose Warnung zur Wachsamkeit gegenüber totalitären politischen Systemen und ihren charakteristischen Mechanismen. Sie zeigen exemplarisch die Folgen eines Regimes, das sich bereits der Kinder und Jugendlichen bemächtigte und sie durch propagandistische Indoktrination zu willfährigen Instrumenten der herrschenden Ideologie erzog, die ebenso gutgläubig wie bedingungslos in Wort und Tat für die ihnen vermittelten Parolen eintraten. Die dramatischen Folgen sind bekannt.

Einige dieser Briefe sollen hier – über mehrere Teile – wiedergegeben werden. Weiter veröffentlicht wurden: Teil 1 und Teil 2.

 

Brief von Adelbert Rühle an seinen Freund Jochen Fritsche, der selbst am 24.02.1945 bei Königsberg gefallen ist (Quelle: Brunhild Rühle, „Die Feldpostbriefe des Adelbert-Ottheinreich Rühle 1939 bis 1942“ (1979) [nachfolgend kurz „Feldpostbriefe Rühle“], S. 45 ff.):

„Kriegsschule Potsdam, den 12.10.1941

Lieber Jochen,

was habt Ihr in den anderthalb Monaten, in denen ich schon in der Heimat stecke, noch alles durchmachen müssen. Ihr seid nun schon anderthalb Monate länger in dem Dreck mit wenig Schlaf und wenig Essen, und er reichte uns bis damals schon.

Aber die Kameradschaft wird auch immer besser, je schlimmer der Dreck ist und je länger es dauert. Es muss herrlich sein, dort einen Zug zu führen. Unsere Soldaten sind doch fast alle so wunderbare Kerle, wenn man sie nur richtig verstehen und anfassen kann. Vor allem an der Front zeigt sich das immer wieder. Wenn die Truppe auch immer etwas verroht oder verlottert – das bringt der Krieg ja unbedingt mit sich, auf Kleinigkeiten und Äußerlichkeiten kann nicht mehr so viel Wert gelegt werden wie in der Kaserne –, so zeigt sich doch gerade dort, wie anständig, treu, zäh und tapfer unsere Männer sind, auch die, die im Frieden oft schlechte Soldaten waren. Und für mich ist der Einsatz immer der Wertmesser des Soldaten, und nur das, was sich im Einsatz bewährt, muss im Frieden gebimst und gedrillt werden. Denn dass unser Drill wertvoll ist, darüber sind wir uns ja klar, er darf aber nicht stur machen und nicht verbittern.

Der Geist der Front ist einer der größten Werte, die der Krieg im Volke hervorruft, und wir wollen ihn, wenn wir den ganzen Krieg gesund überdauern, nie vergessen. Für unser ganzes Leben können wir aus ihm so viel lernen.

Du wirst verstehen, dass mir der Betrieb hier manchmal etwas komisch vorkommt und ich viel lieber bei meinen Kameraden irgendwo »ostwärts Kiew« steckte. Aber wo ich einmal hierher verdammt bin, muss ich mich schon etwas dahinterklemmen, um, wenn es klappt, ein brauchbarer Zugführer zu sein. Es ist bestimmt die schönste Aufgabe jetzt im Kriege, denn niemand ist so sehr Vorbild im Einsatz wie der Zugführer. Er muss immerzu und überall seinen Männern buchstäblich voranspringen.

Kann man überhaupt eine schönere Jugend haben und seinen Lebensweg schöner beginnen als in dieser Zeit und gerade an der Front als Gruppen- oder Zugführer! Dieser Krieg hat ja eine noch viel größere Bedeutung bekommen als vorauszusehen war. Ein Kampf zwischen europäischer Kultur und Bolschewismus. Mit dem Bolschewismus steht ja auch der Kapitalismus gegen uns. Wir können ja von unserer Landserperspektive gar nicht übersehen, was durch ihn entschieden wird. Wir fühlen aber, dass er eine ungeheure, weltgeschichtliche Wende, vielleicht eine große, neue Epoche herbeiführen wird. Vor allem wissen wir aber, dass Deutschland verloren ist, wenn wir ihn nicht gewinnen sollten, und das genügt uns schon, unsere Lebensaufgabe zuerst in unserer Pflichterfüllung an der Front zu sehen.

Was später kommt, liegt uns ja noch so fern und ist vielleicht auch bedeutungslos, obwohl viele große, neue Aufgaben entstehen werden, denn niemals wieder werden wir so nötig gebraucht werden und so voll ausgefüllt werden wie an der Front, auch wenn wir Schütze … im dritten Glied oder kleiner Gruppenführer sind!

Wenn wir so denken und handeln, dann können wir auch ruhig mal fluchen, aber kräftig, denn ab und zu geht einem der ganze Krieg ja über die Hutschnur, so zum Beispiel auch das, dass wir uns nun schon über zwei Jahre nicht mehr gesehen haben. Aber nach diesem Feldzug muss es mal klappen! Ich bin ja jetzt wunderbar erreichbar, wenn ich auch nur Sonntagsurlaub kriegen kann; und vor allem kann ich dieses Weihnachten fest mit Urlaub rechnen! Sowie Du irgendeinen Hoffnungsschimmer nach dem Feldzug hast, dann schreib es bitte, sofort. Wir haben ja jetzt so viel miteinander zu reden. Was haben die letzten zwei Jahre gerade uns gelehrt! Aber an Urlaub wirst Du jetzt gar nicht denken, er ist ja jetzt auch nicht das wichtigste. Bleib gesund.

Dein Addi.“

 

Brief von Adelbert Rühle an seine Mutter (Quelle: „Feldpostbriefe Rühle“, S. 74 ff.):

„Russland, den 16.5.1942

Liebe Mutter,

entschuldige bitte, die Schreibpause, wir haben gerade abgelöst und da gerade vorher mein Chef krank wurde, führte ich die Kompanie und da war, zumal wir eine neue Stellung bezogen und ich nebenbei noch für meinen Zug mitsorgen musste, viel zu tun.

Aber es ist doch schön, wenn man so ganz ausgefüllt ist. Wenn ich wirklich Verantwortung habe, ist mir keine Arbeit zu viel. Dann wird man nicht müde und dann fragt man auch nicht nach dem Muss, sondern bemüht sich von selbst, überall seine Augen zu haben. Nur darf man nicht zu viel alleine machen wollen, man muss andere richtig ansetzen können.

Eine der schönsten Aufgaben ist ja die Fürsorge. Als wir jetzt in Ruhe lagen, hatte ich genug Gelegenheit, mich darum zu kümmern. Der schönste, schwerste und wichtigste Zweig der Fürsorge ist aber doch die Fürsorge auf geistigem oder besser seelischem Gebiet.

Zu diesen Dingen hatte ich genug Zeit in unserer Ruheunterkunft. Im übrigen haben wir wieder etwas Ausbildung gemacht und unsere Quartiere verschönt, d. h. Misthaufen beseitigt und aus eingestürzter Mauer eine Terrasse gebaut. Im ganzen Dorf wurde ein großer Wettbewerb gemacht, wer den schönsten Garten anlegen könnte. Die Landser haben noch lange in der Freizeit, bis zum späten Abend oft, an diesen Gärten gebaut, Misthaufen fortgeschafft und wunderschöne Wappen und Flaggen aus farbigen Steinen und Blumen angelegt. Es war ganz wunderbar, was sie geschafft haben. Ein kleiner Anstoß genügt, und schon finden sie Freude daran und arbeiten freiwillig dafür. Obwohl wir doch wussten, dass wir nicht lange in den Genuss dieser Gärten kommen würden. Das ist eben, »eine Sache um ihrer selbst willen tun«.

Ich hab nun schon einmal Luftpost geschrieben und kann von nun an alle vierzehn Tage schreiben. Nun warte ich sehnlichst auf einen Luftfeldpostbrief von Dir. Ich habe hierher noch keine Post bekommen, aber es kann ja nicht mehr lange dauern.

Heute haben wir herrliches Wetter, ein wunderbarer Sonnenschein, und wir nutzen ihn aus zum Sonnenbaden und Waschen und genießen ihn in vollen Zügen. Man erlebt doch hier alles viel intensiver, jede kleine Freude und jeden kleinen Ärger, was bedeutet in der Heimat irgendeine kleine Freude ?

Nun ist also Sommer bei uns, und wir werden wohl nicht mehr lange hier in Stellung liegen. Wir alle warten nur darauf, dass es wieder rangeht, und ich freu mich, meinen Zug dann gegen den Feind zu führen.

Mit herzlichem Gruß an alle Dein Addi.“

 

Brief von Adelbert Rühle an seine Mutter (Quelle: „Feldpostbriefe Rühle“, S. 76 ff.):

„Russland, den 29. oder 30.5.1942 (noch eine Streitfrage)

Liebe Mutter,

nach langem und hartem Einsatz sind wir nun wieder in Ruhe gekommen, in lang ersehnte Ruhe. Die Sache hier ist schon seit drei Tagen bereinigt, aber bisher hatte ich noch keine Zeit zum Schreiben. Ich führe nämlich noch die fünfte Kompanie und, da sie ziemlich gelitten hatte, musste sie erst einmal neu aufgestellt werden, und das machte natürlich viel Arbeit. Aber all diese Arbeit ist doch wunderschön und befriedigend. Auch hier in der Ruhe macht sie immer wieder Freude! Das wenige an Geschäftskram läuft so nebenbei, dafür habe ich ja Gott sei Dank »meine Leute«, und die Dinge, die ich auf diesem Gebiet selber tue, machen auch Freude oder sind doch wenigstens verantwortungsvolle und hohe Aufgaben: Beurteilungen und Benachrichtigungen. Ich spür es richtig, dass ich hier auf diesem Gebiet: Menschenführung und Organisation meine Offiziersarbeit gefunden habe.

Die schönste Arbeit ist aber doch an der Kompanie selbst. An den wunderbaren Kerlen aus allen Schichten und Altersstufen unseres Volkes!

Ich werde die Kompanie wohl nicht lange behalten, es sind ja noch soviel Ältere da, aber ich bin doch froh, schon einmal diese Aufgabe gehabt zu haben.

Heute ist nun für mich der erste richtige Ruhetag. Wenn das Wetter auch saumäßig ist, so sind wir doch zufrieden in unseren Zelten, und ich will Dir vor allem schnell Nachricht geben, dass ich heil geblieben bin.

Dieser Einsatz war wohl einer der schwersten für das Regiment, weil beste russische Gardetruppen mit aller Macht auf uns drückten, um dem Kessel Charkow zu entkommen. Ihr werdet ja im OKW.-Bericht davon gehört haben. Es haben auch viele ihr Leben dabei lassen müssen.

Gestern haben wir unsere Toten bestattet, in schlichter soldatischer Weise mit Regimentsmusik und Ehrenkompanie mit dem wunderbaren Lied: »Ich hatt einen Kameraden«. Es war trotzdem so ergreifend, vor den offenen Gräbern der Kameraden zu stehen, die noch vor wenigen Tagen ihr Schicksal mit uns teilten und die nun nicht mehr waren; denn sie sind es ja nicht mehr, das spürt man ja, wenn man ihnen ins Gesicht sieht. Deshalb kann man sie mit ruhiger Seele der Erde übergeben. Und in dem Moment spürt man dann ganz stark die Worte: »… als wär’s ein Stück von mir …« Ja, sie sind eigentlich ein Stück von uns allen, das hingegangen ist, wir alle bluten mit, wie wir alle auch siegen werden, auch da sind die Toten dann wieder ein Stück von uns.

Und jetzt geht es bestimmt dem Sieg entgegen. Dieser Erfolg war ungeheuer und rechtfertigt die Opfer. Es wird der härteste Schlag gewesen sein, nun wird alles ins Rollen kommen. Auch wir hier begrüßen dieses neue Vorwärts voller Freude, auch wenn es schwere Tage bringt, es ist doch eine Erlösung und bringt uns dem Ziel näher.

Gestern erhielt ich Deinen Luftpostbrief, und wenn der Einsatz nicht gewesen wäre, wäre er sicher noch früher gekommen. Ich habe übrigens seit Beginn der Ruhe schon viel Post erhalten, darunter auch Briefumschläge und kleine Zigarettenpäckchen, und bin für alles sehr dankbar!

Nun grüß, bitte, die lieben Kleinen, über deren niedliche Bilder ich mich sehr gefreut habe.

Und Dir selbst einen lieben Gruß!

Dein Addi.“

 

Brief von Adelbert Rühle an seinen Freund Jochen (Quelle: „Feldpostbriefe Rühle“, S. 79 ff.):

„Russland, den 3.6.1942

Mein lieber Jochen,

nun ist der erste Ansturm der Frühjahrsoffensive schon vorüber, die Pfingsttage haben uns schwere Kämpfe gebracht. Das Wetter war dabei wie üblich: große Hitze, stechende Sonne an den Tagen des Marsches und zu den Angriffen, saumäßiges Regenwetter in der Stellung. An unsere Soldaten mussten wieder verdammt harte Anforderungen gestellt werden. Schon dabei ist es eine schöne Aufgabe, seine Leute als Zugführer anzuspornen und ihnen bei allen Anstrengungen frisch voranzugehen. Wenn man vor seinem Zug einherlatscht, bringt man ja noch viel leichter die nötige Energie auf. Aufmuntern kann man sie nur, wenn man wirklich alles in gleicher Weise erträgt und keine Vergünstigungen annimmt. Und dann geht es noch mal so gut. Es gibt ja sowieso jeder das Letzte her.

Du weißt ja, lieber Jochen, dass es die schönste Aufgabe für uns sein kann, im Einsatz unseren Männern voranzugehen. Schön ist eigentlich nicht das richtige Wort; denn es geht doch jedesmal verdammt nahe, die Besten fallen zu sehen, das bleibt ja doch das schwerste Erleben des Krieges.

Das Soldatenglück hat mich aber nicht verlassen, die Ausfälle waren in meinem Zug verhältnismäßig gering.

Mit den alten Säcken komme ich ja immer wunderbar aus, sie sind ja etwas schwierig und machen auch oft den Mund ein wenig weit auf und sind manchmal stur wie die 52-Tonner. Die Sturheit muss man schon rauskriegen und das Meutern stört mich wenig, dazu haben sie ja schließlich ein Recht, solange es beim Schimpfen bleibt. Vor allem aber kann man sich auf sie verlassen, das haben sie immer wieder bewiesen. Sie sind eben nicht zu erschüttern. Von ihnen geht auch die wunderbare seelische Kraft aus, die bei uns doch herrscht und alles überwindet. Manchmal äußern sich unsere Landser in einem Fluch oder dummen Witz. Das ist tausendmal mehr wert, als patriotische Reden, die ohnehin das soldatische Taktgefühl verbietet. Ja, die Alten sind tatsächlich das Rückgrat, die »Korsettstangen der Armee«. Ihnen ist es auch zum größten Teil zu verdanken, dass jetzt, heute, die Disziplin hier vorn noch viel besser ist, als sie es nach dem Polenfeldzug, ganz zu Anfang des Krieges, war. Wenn jetzt schlechter Ersatz kommt, dann wird er von ihnen schon zurechtgestoßen, und wenn einer wirklich schlapp macht, dann sind so viele da, die mit wenig saftigen Worten ihn wieder zurechtstauchen. Denn unsere Alten wissen, was man immer noch vermag, und haben ihren Stolz, und in ihren Augen möchte doch jeder von den Neuen ein Kerl sein. Es sind tatsächlich so viel Werte, die wir im Lauf des Krieges gewonnen haben, dass wir jetzt viel stärker und fester dastehn als im Anfang. Trotz der schweren Verluste war es bisher ein wunderbarer Gewinn, für den wir dankbar sein müssen. Es musste wirklich so kommen.

Da sehen wir wieder einmal, wie so oft, nachträglich ein, dass es eine wunderbare Fügung des Schicksals war, das wir vorausschauend doch nie verstehen können.

Inzwischen traf nun dein Brief ein. Das war wieder eine besondere Freude, und nun schreibe ich doch noch ein wenig.

Du hast recht, lieber Jochen, Menschen beurteilen ist eins der wichtigsten und schönsten Gebiete unseres Berufes, eigentlich die wichtigste Voraussetzung. Und auf jedem Gebiet ist das meiner Meinung nach das Kernproblem.

Eine falsche Auslese wirkt sich am verheerendsten aus, eine gute Führung bedeutet alles für unsere Zukunft.

Gerade in der Menschenkenntnis lernt man ja nie aus. Der Krieg hat uns auf diesem Gebiet aber sicher bedeutend viel gelehrt. Für mich bleibt als oberster Grundsatz doch der Kerl an sich, Charakter und Herz des Menschen. Sie sind auf jedem Platz doch tausendmal mehr wert als alle anderen Vorzüge. Ich habe mir ganz abgewöhnt, Menschen nach ihren »Anschauungen« zu beurteilen. Dem Wort kann man doch nie anhören, wie es gemeint ist. Gerade in unserer Zeit gibt es wohl doch so furchtbar viel niedrige Phrasendrescher und Gesinnungslumpen, denen ihre »Anschauung« nur Mittel zum Zweck ist.

Und wie viele Soldaten haben wir kennengelernt, die nur nach Bequemlichkeit und Ruhe zu trachten behaupten und über alle Dinge meckern und fluchen können, die aber, wenn es darauf ankommt, die besten Kerle sind! Wir glaubten vielleicht im Anfang, uns niemals mit ihnen verstehen zu können, und später haben wir dann erkannt, dass diese Kluft doch nur lächerlich klein ist, dass nur der Mensch entscheidet.

Es ist eine schwere Aufgabe, den geraden, aufrichtigen Menschen und den Blender zu erkennen. Am leichtesten erkennt man sie als Kamerad in der Gemeinschaft, besonders im Einsatz. Wie viele »Gebildete« versagen immer wieder, wenn es wie in jeder Gemeinschaft auf den Herzenstakt ankommt, der trotz unseres rauhen Tons bei unseren Landsern oft so wunderbar groß ist. Man muss nur einmal hören, wenn ein Landser mit einem Kameraden spricht, der so schwer verwundet ist, dass keine Hoffnung mehr besteht. Und er findet ganz schlicht die richtigen Worte, um ihm Trost zu sagen.

Und das Herz entscheidet im Leben ja so oft. Unsere Auswahl muss eine ganz große Umwertung erfahren!

Wir verstehen uns ja so gut und wollen uns auf unserem Weg, den wir im Grunde doch einsam gehen müssen, gegenseitig immer wieder Halt geben.

Ich würde übrigens gern etwas mehr von Deiner jetzigen Tätigkeit hören. Auch wenn ich im Schlamassel stecke, möchte ich doch von Deinem Kampf und Deiner Arbeit wissen!

Augenblicklich zeichne ich nun freundlicherweise, aber auf Befehl, für Euren Polterabend und bemühe mich, möglichst gemein dabei zu sein. Das gehört ja dazu und ist herzerquickend! Ihr werdet Euch wundern.

Ich freu mich ja so auf den Tag und würde ja auch gern dabei sein. Ich freu mich aber auch in Abwesenheit mit Euch! Ich kann Euer Glück so gut verstehen und wünsch Euch für alle Tage, die Ihr ja eigentlich jetzt schon gemeinsam geht, gute Fahrt!

Dein Addi.“

 

Fortsetzung folgt.

 

(Titelfoto: Adelbert Rühle und sein Grab,
aus: „Die Feldpostbriefe des Adelbert-Ottheinreich Rühle 1939 – 1942”, S. 60, 90)

 

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