Das deutsche Wesen: Die Ansprache des Grafen Schwerin von Krosigk zur deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg und ihre heutige Bedeutung (Veröffentlicht am 02.05.2026)
I. Blick zurück auf die bedingungslose deutsche Kapitulation 1945
In den gegenwärtigen Zeiten der erneuten Militarisierung Deutschlands, in denen die Rüstungsausgaben neue Rekordmarken erreichen und fast täglich die Rückkehr zu einer Wehrpflicht propagiert wird, lohnt sich die Rückschau auf das Ende des Zweiten Weltkriegs am 08.05.1945. Nach fast sechs Jahren, dem Verlust von Millionen Menschenleben und der Verwüstung zahlreicher Landstriche, endeten an diesem Tag die Kampfhandlungen in Europa mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. In der Nacht des 07.05.1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl, der Chef des Wehrmachtführungsstabes, für die deutsche Delegation, im Hauptquartier der westlichen alliierten Streitkräfte (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force, kurz „SHAEF“) in Reims eine Erklärung über die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Truppen, die für alle Fronten am 08.05.1945 um 23:01 Uhr in Kraft trat und den Zweiten Weltkrieg in Europa beendete.
II. Die Rundfunkansprache des Reichsministers Graf Schwerin von Krosigk auf dem Reichssender Flensburg
Am 07.05.1945 um 12:45 Uhr wandte sich der Reichsminister der Finanzen, Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, der nach Hitlers Tod von dessen Nachfolger Karl Dönitz zusätzlich zum „Leitenden Minister“ (Regierungschef) und Außenminister in dessen geschäftsführender Regierung bestellt worden war, an das deutsche Volk.
In einer auf dem Reichssender Flensburg übertragenen Radioansprache informierte er es über die deutsche Kapitulation und forderte es zu einer Rückbesinnung auf Einigkeit und Recht und Freiheit auf, diese seien die drei Kernelemente „echten deutschen Wesens“. Diese Ansprache ist nicht zuletzt mit Blick auf die Situation im Jahr 2026, insbesondere die erneute Militarisierung Deutschlands, von unveränderter Aktualität und unbedingt hörens- und lesenswert.
Graf Schwerin von Krosigk sagte damals:
„Deutsche Männer und Frauen!
Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht hat heute auf Geheiß des Großadmirals Dönitz die bedingungslose Kapitulation aller Truppen erklärt. Als leitender Minister der Reichsregierung, die der Großadmiral zur Abwicklung der Kriegsaufgaben bestellt hat, wende ich mich in diesem tragischen Augenblick unserer Geschichte an das deutsche Volk.
Nach einem fast sechsjährigen heldenmütigen Kampf von unvergesslicher Härte ist die Kraft Deutschlands der überwältigenden Macht unserer Gegner erlegen. Die Fortsetzung des Krieges hätte nur sinnloses Blutvergießen und unnütze Zerstörung bedeutet. Eine Regierung, die Verantwortungsgefühl vor der Zukunft unseres Volkes besitzt, musste aus dem Zusammenbruch aller physischen und materiellen Kräfte die Folgerung ziehen und den Gegner um Einstellung der Feindseligkeiten ersuchen.
Es war das vornehmste Ziel des Großadmirals und der ihn unterstützenden Regierung, nach den furchtbaren Opfern, die der Krieg gefordert hat, in seiner letzten Phase das Leben möglichst vieler deutscher Menschen zu erhalten. Dass der Krieg nicht sofort und nicht gleichzeitig im Westen und im Osten beendet wurde, erklärt sich allein aus diesem Ziel. Wir verneigen uns in dieser schwersten Stunde des deutschen Volkes und seines Reiches in Ehrfurcht vor den Toten dieses Krieges, deren Opfer uns höchste Verpflichtung ist. Unsere Anteilnahme und Sorge gilt vor allem den Versehrten, den Hinterbliebenen und allen, denen dieser Kampf Wunden geschlagen hat. Niemand darf sich über die Schwere der Bedingungen hinwegtäuschen, die unsere Gegner dem deutschen Volk auferlegen werden. Es gilt, ihnen ohne jede Phrase klar und nüchtern entgegenzusehen.
Niemand kann im Zweifel darüber sein, dass die kommende Zeit für jeden von uns hart sein und auf allen Lebensgebieten Opfer von uns fordern wird. Wir müssen sie auf uns nehmen und loyal zu den Verpflichtungen stehen, die wir übernommen haben. Wir dürfen aber auch nicht verzweifeln und uns einer stummen Resignation hingeben. Wir müssen uns den Weg durch das Dunkel der Zukunft durch drei Sterne erleuchten und führen lassen, die stets das Unterpfand echten deutschen Wesens waren: Einigkeit und Recht und Freiheit.
Aus dem Zusammenbruch der Vergangenheit wollen wir uns eines bewahren und retten: Die Einigkeit, den Gedanken der Volksgemeinschaft, die in den Jahren des Krieges in der Frontkameradschaft draußen, in der gegenseitigen Hilfsbereitschaft in allen Nöten daheim ihren schönsten Ausdruck gefunden hat. Wir werden diese Kameradschaft und Hilfsbereitschaft in den kommenden Nöten des Hungers und der Armut ebenso brauchen wie in den Zeiten der Schlachten und der Bombenangriffe. Nur wenn wir uns diese Einigkeit erhalten und nicht wieder in streitende Klassen und Gruppen auseinanderfallen, können wir die künftige harte Zeit überstehen.
Wir müssen das Recht zur Grundlage unseres Volkslebens machen. In unserem Volk soll Gerechtigkeit das oberste Gesetz und die höchste Richtschnur sein. Wir müssen das Recht auch als die Grundlage der Beziehungen zwischen den Völkern aus innerer Überzeugung anerkennen und achten. Die Achtung vor geschlossenen Verträgen soll uns ebenso heilig sein wie das Gefühl der Zugehörigkeit unseres Volkes zur europäischen Völkerfamilie, als deren Glied wir alle menschlichen, moralischen und materiellen Kräfte aufbieten wollen, um die furchtbaren Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hat.
Dann können wir hoffen, dass die Atmosphäre des Hasses, die heute Deutschland in der Welt umgibt, einem Geist der Versöhnung in den Völkern weicht, ohne den eine Gesundung der Welt nicht möglich ist, und dass uns die Freiheit wieder winkt, ohne die kein Volk ein erträgliches und würdiges Dasein führen kann.
Wir wollen die Zukunft unseres Volkes in der Besinnung auf die innersten und besten Kräfte des deutschen Wesens sehen, die der Welt unvergängliche Werke und Werte gegeben haben. Wir werden mit dem Stolz auf den Heldenkampf unseres Volkes den Willen verbinden, als Glied der christlich-abendländischen Kultur in redlicher Friedensarbeit einen Beitrag zu liefern, der den besten Traditionen unseres Volkes entspricht.
Möge Gott uns im Unglück nicht verlassen und unser schweres Werk segnen!“
III. Zwischen 1945 und 2026: Von der Diktatur zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“ – und wieder zurück?
Mag man aus heutiger Sicht einige Stellen in der Ansprache des Grafen Schwerin von Krosigk als fragwürdig empfinden, muss man sich doch den damals in Deutschland weithin herrschenden Zeitgeist in Erinnerung rufen, der hier auch adressiert wurde.
Im Rahmen dieses Blogs sei vor allem an die beschworene „Ehrfurcht vor den Toten dieses Krieges, deren Opfer uns höchste Verpflichtung ist“ sowie an die Anteilnahme und Sorge gegenüber „den Versehrten, den Hinterbliebenen und allen, denen dieser Kampf Wunden geschlagen hat“ erinnert. Wenn nun heute mitunter die Ablage z. B. von Blumen oder Kerzen auf Soldatenfriedhöfen verboten und sog. „Tanztheater“ über den Gräbern Kriegstoter aufgeführt werden, zeigt dies deutlich den fragwürdigen geistig-moralischen Weg, den dieses Land einmal mehr eingeschlagen hat.
Bei Gründung der BR Deutschland wurden Einigkeit und Recht und Freiheit als Grundpfeiler des neuen Staatswesens definiert und als solche auch in der neuen deutschen Nationalhymne besonders betont. Darin wird deren Verwirklichung als „des Glückes Unterpfand“ bezeichnet, in dessen „Glanze“ das „deutsche Vaterland“ wieder blühen solle.
Wie steht es in Deutschland aktuell um Einigkeit und Recht und Freiheit?
Wohl zu keiner Zeit seit Ende des Zweiten Weltkriegs dürfte die deutsche Gesellschaft derart zersplittert und uneinig gewesen sein, in der sich Menschen wegen nichtigster Anlässe anfeinden, manchmal bis zu offener Gewaltanwendung. Die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit wird in zunehmendem Maße relativiert und davon abhängig gemacht, ob dies auch dem nunmehr herrschenden politisch-ideologischen Zeitgeist entspricht. Nicht jedem, der nach Recht und Gesetz im Recht ist, wird dies durch die Gerichte auch zugesprochen. Die sog. allgemeine Handlungsfreiheit des Art. 2 Abs. 1 Grundgesetz, verfassungsrechtliche Grundlage des freiheitlichen Staatswesens, wird zunehmend zur Disposition gestellt und damit auch die Freiheit der Menschen. Das besagte „Blumenverbot“ auf den Soldatenfriedhöfen in Hürtgen und Vossenack, das bislang von allen Gerichten für rechtmäßig befunden wurde, ist nur ein Beispiel für einen zunehmend übergriffigen Staat.
Appellierte Graf Schwerin von Krosigk in seiner Ansprache an das deutsche Volk im Mai 1945 daran, alle moralischen und materiellen Kräfte aufzubieten, um die furchtbaren Wunden zu heilen, die der Krieg geschlagen hat, wird die deutsche Gesellschaft nun tagtäglich auf das Schlagen neuer Wunden vorbereitet und scheint sich hiermit zu arrangieren.
Wurde die Zukunft des deutschen Volkes in der Ansprache vom 07.05.1945 in der Besinnung auf die „innersten und besten Kräfte des deutschen Wesens“ und darin gesehen „in redlicher Friedensarbeit einen Beitrag zu liefern, der den besten Traditionen unseres Volkes entspricht“ – die durch die große Mehrheit derjenigen, die Krieg und seine Auswirkungen noch selbst erfahren hatten, über Jahrzehnte auch gelebt wurde –, kann man angesichts der neuen deutschen Begeisterung für Aufrüstung und militärische Abenteuer nicht umhin, sich verwundert die Augen zu reiben. Die inzwischen fast vollständig ausgestorbene sog. „Kriegsgeneration“ fehlt als mahnendes Regulativ schmerzlich, und die mit deren Ableben zunehmende Akzeptanz von Krieg und Militär im Land dürfte kaum Zufall sein.
Einmal mehr kommt die eigentlich überwunden geglaubte verhängnisvolle deutsche Neigung zu unbedingtem Gehorsam gegenüber vermeintlichen Autoritäten bei mitunter grotesker Überschätzung der eigenen Möglichkeiten zum Tragen, die dem Land und der Welt schon wiederholt Tod und Zerstörung gebracht haben. Am deutschen Wesen wird die Welt nicht genesen, auch diesmal nicht. Eine Besinnung und Umkehr bleibt sehr zu hoffen, mit Blick auf die deutsche Geschichte und die neue deutsche Geschichtsvergessenheit sind Zweifel allerdings angebracht.
(Titelfoto: Grabkreuze auf dem deutschen Soldatenfriedhof Lommel/Belgien,
November 2025)
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