Gedanken zum Krieg: Der italienische Admiral Inigo Campioni über „die Stunde der Diktaturen“, 1944 (Veröffentlicht am 02.09.2026)
I. Inigo Campioni
Inigo Campioni, geb. am 14. November 1878 in Viareggio/Italien, war ein Admiral und Senator des Königreichs Italien. Er begann seine militärische Laufbahn 1893 an der Marineakademie in Livorno und nahm auf verschiedenen Kriegsschiffen am Ersten Weltkrieg teil. 1938 wurde er stellvertretender Generalstabschef der Marine und 1939 Senator auf Lebenszeit.
Als Italien 1940 in den Zweiten Weltkrieg eintrat, führte Campioni die italienische Hauptflotte. Ab November 1941 war er Gouverneur der italienischen Ägäis-Inseln (Dodekanes) und damit Befehlshaber aller italienischen Streitkräfte in diesem Gebiet, sein Sitz war Rhodos.
Nachdem das Königreich Italien mit dem Abschluss des Waffenstillstands von Cassibile mit den USA und Großbritannien am 3. September 1943 aus dem Bündnis mit dem Deutschen Reich ausschied, löste letzteres die für diesen Fall bereits vorbereitete Entwaffnung der italienischen Truppen und die Besetzung Italiens („Fall Achse“) aus.
Inigo Campioni verweigerte eine Zusammenarbeit mit den Deutschen und ließ seine Truppen zunächst Widerstand leisten. Nachdem die militärische Lage aussichtslos geworden war und ein deutscher Luftangriff auf Rhodos drohte, kapitulierte Campioni am 11. September 1943. Er wurde gefangen genommen und in dem deutschen Gefangenenlager für Offiziere Oflag 64/Z in Schokken in der damaligen deutschen Reichsprovinz Wartheland (heute Skoki/Polen) inhaftiert. Nachdem Mussolinis Faschisten am 23. September 1943 die Italienische Sozialrepublik („Republik von Salò“, Repubblica Sociale Italiana, kurz „RSI“) als Marionettenstaat der deutschen Besatzungsmacht gegründet hatten, wurde Campioni Ende Januar 1944 deren Behörden der überstellt, nachdem er die Anerkennung der RSI abgelehnt hatte. Dort wurde er am 22. Mai 1944 vor einem Sondergericht in Parma u.a. wegen Hochverrats angeklagt und zum Tode verurteilt.
Das Todesurteil wurde am 24. Mai 1944 vollstreckt.
II. Campionis Gedanken zum Krieg
Aus der Zeit seiner Gefangenschaft sind die folgenden Gedanken Inigo Campionis überliefert (Quelle: Bähr, Die Stimme des Menschen – Briefe und Aufzeichnungen aus der ganzen Welt 1939 – 1945, S. 416):
„1944
»Es gibt viel Licht, wenn einer nur den Wunsch hat, zu sehen, aber viel Finsternis für den, der das Gegenteil sucht«: In diesem Wort Pascals liegt die ganze Geschichte des Menschen beschlossen. Licht und Finsternis liegen im Kampf miteinander. Aber für den Menschen ist alles nur eine Frage der »Wahl«: Es genügt, dass er das Licht begehrt, damit die Wahrheit über den Irrtum triumphiere und das Gute über das Böse siege. Man muss in Konzentrationslagern gelebt und gesehen haben, was dort geschieht, um mit Recht behaupten zu können, dass wir den lebenswichtigsten und kostbarsten Teil unserer Zivilisation verloren haben: Die Liebe und die Achtung vor dem Menschen. Foltern, grausame Vergeltungsmaßnahmen, Verbrennungsöfen, Gaskammern, Hinrichtungen durch den Strang und Blutbäder sind keine Erfindungen der Propaganda. Es ist die furchtbarste und unmenschlichste Wirklichkeit, von der die Geschichte berichtet. Alles ist heute möglich, selbst die schlimmste Infamie. Heute ist die Stunde der Diktaturen. Und die Diktaturen würden immer, auch wenn es ihnen gelänge, Wunder zu wirken, Straßen und Brücken zu bauen, Sümpfe trockenzulegen, siegreiche Kriege zu führen und neue Reiche zu gründen, gleich verachtenswert bleiben, weil sie den Menschen ignorieren, seine Würde demütigen und seine wesentlichen Werte leugnen.
Der Mensch als einziger und unersetzlicher Wert, als Gipfel der Schöpfung und Mittelpunkt der kosmischen Wirklichkeit (so wie Pascal fühlte und glaubte), existiert nicht mehr. Das ist die wahrhaft tragische Seite unserer Zeit. Wer weiß? Vielleicht begreift die Gesellschaft dereinst, nach so viel vergossenem Blut, so viel Unglück und Trauer, die Notwendigkeit, in sich zu gehen? Inzwischen aber muss man den Preis bezahlen.“
Wird dieser Preis mehr als 80 Jahre später einmal mehr bezahlt werden müssen?
(Titelfoto: Grabkreuze auf dem
US-Soldatenfriedhof Henri Chapelle/Belgien, November 2025)
Meine Arbeit können Sie hier unterstützen, vielen Dank!