Feldpostbriefe: Briefe des japanischen „Kamikaze“-Piloten Ryōji Uehara an seine Familie, Mai 1945 (Veröffentlicht am 09.10.2026)
I. Jugend im Kriegseinsatz
Im Angesicht der sich abzeichnenden Niederlage im Zweiten Weltkrieg forderten Deutschland und Japan eine besondere Einsatz- und Opferbereitschaft vor allem auch der Jugendlichen und jungen Heranwachsenden. Man stellte sogar eigene Verbände für sie auf, der Dienst in denen als besonders „wichtig“ und „ehrenhaft“ propagiert wurde. Ein Beispiel sind die deutschen Luftwaffenhelfer, die auf diesem Blog bereits Thema waren.
II. Die Shimpū Tokkōtai („Kamikaze“) in Japan
In Japan stellte man als Teil der Kaiserlichen Marineluftwaffe die Sondereinheit Shimpū Tokkōtai (wörtlich „Göttlicher Wind“) auf, bekannt geworden als „Kamikaze“, deren zumeist freiwillige Angehörige während des Pazifikkrieges ab Oktober 1944 Selbstmordangriffe gegen die Schiffe der United States Navy, der Royal Navy und der Royal Australian Navy durchführten, indem sie sich mit ihrem bombenbeladenen Flugzeug auf ein Schiff stürzten. Der Tod der Piloten war integraler Bestandteil der Taktik als auch des Selbstverständnisses der Einheit.
Das Buch „Sturm der Götter“ von Klaus-Robert Heinemann aus dem Jahr 1956 befasst sich näher mit den Kamikaze und enthält insbesondere zahlreiche Briefe und Tagebucheinträge ehemaliger Angehöriger. Sehr aufschlussreich zu den kulturellen Hintergründen, der Geisteshaltung der Angehörigen dieser Einheit und der Art ihres Einsatzes sind die folgenden Erläuterungen aus diesem Buch (a.a.O., S. 55 f.):
„Zur selben Zeit, als das verbündete Deutschland immer lauter den Einsatz noch geheim gehaltener Waffen ankündigte, rief die japanische Heeresführung eine Sondereinheit ins Leben, der im Andenken an jenen Taifun von 1281 der Ehrenname „Kamikaze“ beigelegt wurde. Diese Tokkōtai („Sonder-Angriffs-Einheit“), eine der Marine angegliederte Fliegertruppe, stand unter dem Kommando Vizeadmiral Ugakis. Ihre Stärke lag in der besonderen Art ihres Angriffs, die jeden, der sie erlebte oder davon hörte, erschauern lassen musste: Um die Treffsicherheit zu erhöhen, steuerten die Flieger geradewegs das feindliche Ziel an und ließen sich mitsamt ihrem bombenbeladenen Flugzeug darauf zerschellen.
Es waren meist noch junge Soldaten aus anderen Einheiten, die die Marine für diese Tokkōtai warb, denn ältere und erfahrenere konnten nicht ersetzt werden. Wenn diese Todesflieger offiziell auch als Freiwillige galten, so wurde doch, wenn die Zahl der sich Meldenden nicht ausreichte, ein starker moralischer Druck ausgeübt, um die erforderliche Truppenstärke zu erreichen. Oft nur kurze Lehrgänge bereiteten die Kamikaze auf ihren Angriff vor. Wenn der Vorabend des Todes gekommen war, legten die Flieger zum Zeichen ihres irdischen Entsagens weiße Trauerkleidung an und nahmen an einer kultischen Feier teil, bei der jeder ein Holzkästchen erhielt, das anstelle seiner Asche seine Haare und Fingernägel aufnahm und auf dem elterlichen Hausaltar verehrt werden sollte.
Da sich in der japanischen Armee ein Mangel an Kriegsgerät spürbar machte, wurden für die Kamikaze-Angriffe meist Flugzeuge älterer Bauart verwendet, die außer der Bombenlast keine Bewaffnung an Bord führten. Hohe Erlasse mahnten die Piloten, ihr Leben und das Material nur gegen lohnende Ziele einzusetzen und lieber umzukehren, als sich an zu kleine Objekte zu verschwenden. Wie sollten sie aber diese Mahnung befolgen, wenn der Treibstoff nur für den Hinflug ausreichte? Den Fliegern blieb, nachdem sie von einem Jagdschutz in die Nähe des Angriffszieles geleitet worden waren, keine andere Wahl, als sich, eingepfercht in ihre Kabine, auf den Feind hinabzustürzen. Der japanische Staat verherrlichte das Opfer dieser jungen Helden und ließ ihren Familien öffentliche Ehrungen zuteil werden.“
III. Der „Kamikaze“-Pilot Ryōji Uehara
Einer der Kamikaze war Ryōji Uehara, geb. am 27. September 1922 in Ikeda, Präfektur Nagano. Er schrieb sich 1942 am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Keio-Universität ein und trat noch im selben Jahr dem 50. Regiment der Kaiserlichen Japanischen Armee in Matsumoto bei. Er starb als Kamikaze am 11. Mai 1945 während eines Einsatzes gegen einen US-Trägerverband bei Kadena in der Präfektur Okinawa.
Er wurde nach dem Krieg vor allem für seinen Brief bekannt, den er am Vorabend seines Einsatzes an seine Eltern schrieb und der in dem besagten Buch „Sturm der Götter“ in deutscher Übersetzung abgedruckt ist. Ebenso lesenswert ist sein dort veröffentlichter Brief mit dem Titel „Testament“, der wie folgt lautet (Heinemann, S. 67 f.):
„Mein Testament
Meine lieben Eltern,
während der mehr als zwanzig Jahre meines Lebens war ich so glücklich, so frei! Umgeben von Eurer warmen Liebe und der Obhut der Geschwister habe ich schöne Tage gehabt. Dabei bin ich sogar ein wenig eigensinnig geworden. Nun bin ich es, der von uns Geschwistern Euch die meisten Sorgen bereitet. Wie betrübt es mich, dass ich Euch nicht vergelten kann, was Ihr an mir getan habt! Mein tägliches Leben als Flieger steht unter dem Zeichen des Todes. Jeder Satz, den ich sage, jedes Wort, das ich ausspreche, ist mein Vermächtnis. Wenn ich oben in der Luft bin, hat der Tod nichts Fürchterliches mehr. Wenn ich mich schließlich auf den Feind hinabstürze, habe ich sicherlich nicht das Gefühl, dass ich sterben werde. Ich war schon versucht, mich so hinunterzustürzen. Ich habe keine Angst vor dem Tode, mich erfüllt vielmehr ein Gefühl des Glücks, denn ich bin überzeugt, dass ich dann meinen geliebten Bruder Tatsu wiedertreffen werde. Es ist mein letzter Wunsch, dass wir uns im Himmel wiedersehen mögen.
Offen gesagt: ich war immer ein Anhänger des Liberalismus; denn wenn Japan für alle Ewigkeit bestehen will, kommt es ohne ihn nicht aus. Vielleicht scheint das dumm, weil das heutige Japan unter einem totalitären Regime steht. Wer die Augen aber richtig öffnet, wird meines Erachtens erkennen, dass das System, das vernunftgemäß der Natur des Menschen entspricht, liberal sein muss.
Ich glaube, dass man einem Lande an seinem politischen System ansehen kann, ob es den Krieg gewinnt oder verliert. Der Sieg jenes Landes, das sich ein der menschlichen Natur entsprechendes System zu eigen gemacht hat, steht klarer vor uns als der Schein des Feuers.
Mein Ideal ist zerbrochen, Japan hat es nicht erreicht. Für den einzelnen Menschen ist Gedeih oder Verderb seines Landes sehr wichtig, von einer weltweiten Warte aus gesehen jedoch geringfügig.
(…)
Grüßt Niisan, meine Schwester Hiyoko und alle anderen!
Lebt wohl, bleibt gesund, lebt wohl – für immer!
Ryōji.“
Mit folgenden Worten wandte sich Ryōji Uehara am Vorabend seines tödlichen Einsatzes an seine Eltern (Heinemann, S. 69 ff.):
„Gedanken
Ich empfinde es als allerhöchste Ehre, in die Sondereinheit des Heeres gewählt worden zu sein, die man die repräsentative Kampfeinheit unseres hehren Vaterlandes nennen kann.
Wenn ich den Weg der Vernunft beschreite, wie man es uns an der Universität gelehrt hat – dort wurde die Vernunft fast zu einem Glauben erhoben –, meine ich, dass der Sieg der Freiheit außer Zweifel steht. Vielleicht wird man mich darum einen Liberalisten schimpfen. Es ist unmöglich, die dem Menschen wesensmäßig verbundene Freiheit ganz auszulöschen. Selbst wenn es scheint, als sei sie unterdrückt, kämpft sie doch unter der Oberfläche weiter, um schließlich den Sieg davonzutragen. Das ist eine Wahrheit, die schon der Italiener Benedetto Croce ausgesprochen hat. Wenn die totalitären Staaten auch eine Zeitlang triumphieren, ist es doch offenbar, dass sie am Ende unabwendbar geschlagen werden.
Diese Wahrheit können wir meiner Meinung nach in diesem Weltkrieg an den Achsenmächten bestätigt sehen. Was ist aus dem faschistischen Italien geworden? Die Macht des nationalsozialistischen Deutschlands ist schon gebrochen. Die totalitären Staaten fallen jetzt einer nach dem anderen in sich zusammen wie ein Gebäude, dessen Grundfesten erschüttert sind. Die Allgemeingültigkeit dieser Tatsache kann auf Grund des geschichtlichen Ablaufes aufgezeigt werden; sie wird für alle Zukunft bestehen bleiben. Wenn sich meine Überzeugung als richtig erweist, bedeutet das für unser Vaterland vielleicht ein Unheil, für die Menschheit aber einen großen Segen. Ich glaube, dass ein moderner Krieg immer auf Ideologien gegründet ist, und dass man auf Grund der betreffenden Ideologien schon den Ausgang des Krieges vorherbestimmen kann.
Mein inniger Wunsch, unser geliebtes Vaterland Japan möge einmal ein ebenso mächtiges Reich werden, wie England es ehemals war, ist leider unerfüllt geblieben. Wenn man auf die Männer gehört hätte, die Japan wirklich liebten, wäre unser Land nicht in die Lage getrieben worden, in der es sich heute findet. Einst träumte ich von dem Ideal, dass sich der Japaner voll Stolz überall auf der Welt zeigen könne.
Was mir ein Kamerad sagte, ist wahr: Als Pilot unserer Sondereinheit werden wir im Flugzeug zu nichts weiter als einer Maschine, zu nichts anderem als dem Molekül eines Magneteisens, das vom feindlichen Flugzeugträger angezogen wird – ohne Persönlichkeit, ohne Gefühl und natürlich ohne Verstand: zu einer Maschine, die den Steuerknüppel bedient. Verstandesmäßig ist das nicht recht zu erklären, wenn ich aber darüber nachdenke, muss ich doch sagen, dass es kein Selbstmord ist, wie die Feinde es nennen. Ich glaube, dieser Einsatz ist nur bei einer Weltanschauung wie der japanischen möglich. Wir zur Maschine gewordenen Menschen haben keine Rechte mehr, wenn ich aber noch einen Wunsch äußern darf, so bitte ich meine Landsleute, aus unserem geliebten Japan ein großes, starkes Reich zu machen.
In diesem Geiste werde ich sterben, auch wenn mein Tod nichts mehr nützen sollte. Ich betrachte es, wie ich zu Anfang sagte, als Ehre, in diese Sondereinheit gewählt worden zu sein.
Wenn wir im Flugzeug sitzen, werden wir zur Maschine, am Boden aber sind wir von Gefühlen und Leidenschaften erfüllt. Als meine Geliebte starb, ging auch ich in einen geistigen Tod. Mein Tod bedeutet mir nur eine Wegstrecke zum Paradiese, in dem ein Mensch, meine Geliebte, auf mich wartet.
Morgen trete ich zum Angriff an. Was ich hier geschrieben habe, sind ungezügelte Worte. Mögen sie von niemandem gelesen werden! Sie spiegeln jedoch meinen wahren seelischen Zustand wider. Bitte entschuldigt, dass ich alles ungeordnet, so, wie mir es in den Sinn kam, gesagt habe.
Morgen scheidet ein Freund der Freiheit aus dieser Welt. Es könnte scheinen, als ginge er mit einem traurigen Lächeln, jedoch: im Grunde seines Herzens ruht Zufriedenheit.
Alles, was ich sagen wollte, habe ich gesagt.
Bitte entschuldigt meine Unhöflichkeit!
Ich schließe.
Geschrieben am Vorabend des Angriffs.“
IV. Bilanz der „Kamikaze“-Einsätze
Schätzungen zufolge sollen infolge der „Kamikaze“-Angriffe mehr als 3.000 japanische Piloten getötet worden sein. Dabei seien 34 Schiffe der US-Marine versenkt und weitere 368 beschädigt worden, wobei rund 4.900 Matrosen der US-Marine ums Leben gekommen seien.
Der Schöpfer und Kommandeur der Tokkōtai, Vizeadmiral Ōnishi Takijirō, bat die geopferten Piloten und ihre Familien am 15. August 1945 um Vergebung; als Buße gegenüber den Piloten und ihren Familien tötete er sich einen Tag später durch Seppuku.
(Titelfoto: Herbstszene im Stadtwald Düsseldorf,
November 2018)
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