Feldpostbriefe: Brief des deutschen Soldaten Tobias Todtschinder aus Russland an seine Tochter (Veröffentlicht am 17.07.2022, zuletzt geändert am 30.03.2026)
I. Der „tiefste Sinn des Opfers“
Über manche Feldpostbriefe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs kann man aus heutiger Sicht nur den Kopf schütteln. Zu befremdlich wirken ihre Inhalte, zu pathetisch, ganz und gar aus einer völlig anderen Zeit. Aber dennoch wertvoll als Zeugnisse für das, was Menschen einmal dachten und taten, welche Motivation dem zugrunde lag und wohin dies führte.
II. Brief des deutschen Soldaten Tobias Todtschinder an seine Tochter
In diese Kategorie fällt ein undatierter Brief des deutschen Soldaten Tobias Todtschinder an seine Tochter, der nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Buch veröffentlicht wurde. Er schreibt darin (Quelle: v. Bebenburg, Ein Vermächtnis – Briefe und Gedichte gefallener Soldaten des Zweiten Weltkrieges [1955], S. 55 ff.):
„Meiner lieben Helga!
Auf Wache stand ich, in Feindesland. Sternklar war die Nacht. Da dacht‘ ich an Dich und an den Kampf, in dem wir stehen; da dacht‘ ich nach über den Wert und den Sinn des Lebens. Viele fielen schon, darunter auch mancher, den ich kannte. Vor einer Stunden noch lebte er, ja, lachte vielleicht, und dann war mit einem Male sein Leben beendet. Ich sah es und erlebte es, und mit mir all die anderen, die um mich sind. Jeder Augenblick kann unser letzter sein, jedes Handeln unser letztes, und jedes Wort von uns kann in den Ohren der anderen als unser letztes fortklingen. Dann steht irgendwo am Weg ein notdürftig gezimmertes Holzkreuz; der Stahlhelm deckt sein oberes Ende: geb. … gefallen … Und was lag dazwischen? Was wurde ausgelöscht? – Was ist nicht mehr? – Was fand ein Ende? – War nicht der Heldentod, der Einsatz und das Ende dieses Lebens das Beste an ihm? Und dieser Einsatz noch, dieses Ende. – Bei vielen war es nur befohlen! Den tiefsten Sinn ihres Opfers – und damit aber auch ihres ganzen Lebens, haben die wenigsten erfasst. Sandkörner waren und sind es. Irgendwo angeschwemmt, vom Strome mitgetrieben! – Sie kennen nicht Ziel und Sinn dieses Treibens. (Fliegeralarm!)
Sie lassen sich treiben, und nur in unwesentlichen Dingen zeigen sie ihren eigenen Willen. Wenn sie am Ende sind, dann weint irgendwo eine Frau, Kinder geraten vielleicht in Not, Eltern trauern. Aber – es liegt doch nur ein Körnchen mehr am Sand, kein Schiff geht unter, das kostbares Gut einem hehren Ziel zutrug! – Schiff zu sein und Steuermann zugleich, das sei des Lebens Sinn. Wollen sollst Du, nicht gewollt werden. Alles Streben Deines Lebens gelte einer heiligen Aufgabe, einem gewaltigen Ziel. Wenn Du am Ende bist, dann hast Du kostbares Gut ein Stück vorwärts und höher getragen. – Was kostbar ist, das sagt Dir der tiefste Grund Deines Wesens, wenn Du ihm ehrlich, wahrhaft ehrlich lauschst. Und wenn Du auch lange lauschen und suchen musst: Schon das allein ist ein Leben wert! – Ich sah ein ganzes Volk, das durchs Leben getrieben wurde und wird – und ich sah solche, die glauben, verächtlich auf solches Volk und seine Menschen herabsehen zu können, die aber selbst nur Getriebene und Gewollte sind. – Da fasst mich der Ekel – und Du wirst mich hierin einstmals verstehen. – Ob Du mit Hammer und Meißel in den Stein der Zeit Deinen Willen eingräbst, ob Du ihn offenbarst im Suchen und Finden, ob sich an Dir die Wellen der Zeit brechen und eine neue Richtung finden, oder ob einer bei Dir Rat und Hilfe findet und Halt und Vertrauen, dann, wenn er zweifelt – das ist einerlei. Aber ein Ziel und eine Aufgabe sollst Du haben zu jeder Stunde Deines Lebens – und wenn immer Du am Ende sein solltest, dann liege zwischen ihm und dem Anfang ein Weg, den Du gingst – und – wolltest.
Noch steht Dein Vater mitten im Kampf, aber der Sieg, der uns wird, er öffnet den Weg in eine gewaltige Zukunft. Unzählige Aufgaben harren unserer. –
Zeigen wir uns alle dieser kommenden Zeit würdig – auch Du.
Dein Vater.“
III. Lebensdaten
Tobias Todtschinder, geboren am 11.09.1915 in Nürnberg, fiel am 28.11.1942 in Russland.
(Titelfoto: Soldatenfriedhof Bensheim-Auerbach, April 2022)
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