Feldpostbriefe: Brief der Eltern an ihren Sohn Joachim Rühland, deutscher Soldat in Weißrussland, Januar 1944 (Veröffentlicht am 09.06.2022, zuletzt geändert am 16.03.2026)


I.   Die erste Schlacht um Witebsk im Dezember 1943

Im Jahr 1943 ging die Initiative an der Ostfront zunehmend auf die sowjetischen Truppen über, die strategische Erfolge umgehend zu ihren Gunsten nutzten; die deutschen Truppen wurden zunehmend in die Defensive gedrängt. Mitte Dezember 1943 kam es zur ersten Schlacht um Witebsk, bei der sich die deutschen Truppen anfangs einer Übermacht von 1:3 gegenüber sahen, die bis zum Ende des Monats auf circa 1:10 anwuchs. Am 13. Dezember traten die sowjetischen Truppen zum Angriff an, durchstießen bei Newel die deutsche Front und erweiterten diesen Einbruch nachfolgend. Mangels deutscher Reserven konnte dieser Einbruch nicht mehr geschlossen werden, mehrere deutsche Verbände wurden eingeschlossen; ihre Soldaten mussten sich im Nahkampf durch die russischen Linien kämpfen. Es folgten blutigste Kämpfe, die zu Weihnachten 1943 ihren Höhepunkt fanden.

 

II.   Feldpostbriefe von Gertrud und Wilhelm Rühland an ihren Sohn Joachim

In dieser Schlacht kämpfte auch der 18-jährige deutsche Soldat Joachim Rühland. An ihn gerichtete Briefe seiner Eltern vom 07.01.1944 dokumentieren ihre Ohnmacht über das unklare Schicksal des Sohnes ebenso anschaulich wie den damals in Deutschland herrschenden Zeitgeist.

So schrieb ihm seine Mutter (Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Letzte Lebenszeichen – Briefe aus dem Krieg, S. 164 f.):

„Mein lieber Jochen!

Nun sind wir immer noch ohne Post von Dir, Dein letzter Brief war vom 13.12. Wir hoffen aber stark, dass es Dir noch gut geht, wenigstens gesundheitlich, denn sonst werdet Ihr wohl nichts zu lachen haben. Jeden Tag wird Witebsk noch im Wehrmachtsbericht erwähnt, und wir wissen, was dort für schwere Kämpfe toben. Du armer Junge, bist immer da, wo es mit am schlimmsten ist. Wie oft habe ich schon in diesen Wochen gedacht, wenn man doch bloß mal hinsehen könnte, ob er noch gesund ist. Hast Du denn wenigstens unsere Post erhalten? Ich habe fast alle Briefe per Luftpost geschickt, weil ich mir dachte, die kämen eher durch. (…) Nun will ich Schluss machen, Papa kann noch ein bisschen weitermachen, (…). Bleib mir also recht gesund und hoffentlich bekommen wir bald Post von Dir. Mit recht vielen herzlichen Grüssen und Küssen bin ich

Deine Mutti“

 

Sein Vater ergänzte (a.a.O., S. 166 f.):

Mein lieber Junge!

Die erbitterten Kämpfe in Eurem Abschnitt toben nun schon seit fast vier Wochen – und halten nach den Berichten des OKW [Oberkommando der Wehrmacht] mit unverminderter Heftigkeit an. Allein in diesem Raum dürften nach den bisherigen Berichten an die 500 Panzer vernichtet sein. Es ist da die größte Zahl von allen Kampfabschnitten überhaupt und zeigt deutlich die Absichten unseres Gegners. Sie werden aber, wie wir alle zuversichtlich glauben, an der Härte und dem Willen unserer tapferen Jungen zuschanden werden. Ich habe schon so oft betont, wie gerne ich in Euren Reihen stehen und mitkämpfen möchte, und gerade jetzt, wo es hart auf hart geht. Ich glaube immer noch, wo die physischen Kräfte nicht mehr hinhauen können, da würde meine Ruhe einen Ausgleich schaffen und Euch von Nutzen sein können. Jedoch mit meinen 55 Jahren sind das Träume, die keine Verwirklichung finden werden. Und so muss ich mich bescheiden und hier in der Heimat meine Pflicht tun. Aber in Gedanken, Junge, da bin ich oft sehr oft bei Dir und rufe Dir ein ‚Durchhalten‘ zu. Wie oft geschieht das auch in der Nacht, wenn ich einmal wach werde, und ich glaube dann immer, Du müsstest das merken und neue Kraft daraus schöpfen. Deine liebe Post vermissen wir ja sehr, aber wir wissen ja, dass Ihr kaum zur Ruhe kommt, und wenn einmal, dann habt Ihr vor allem Schlaf nötig und das geht unbedingt vor. Aber freuen werden wir uns, wenn dort einmal wieder Ruhe eingetreten ist und der Postverkehr wieder regelmäßig läuft. Bis dahin halten wir Dich im Gebet umschlossen und hoffen, dass Du die jetzigen Kämpfe heil und gesund überstehst. (…) Die Tage werden nun, zuerst noch nicht bemerkbar, wieder länger und Du wirst sehen, dass eines Tages wieder die Frühlingssonne scheint und dann wird das Schwerste auch wieder vergessen sein. Also behalte frohen Mut und wehre Dich Deiner Haut. (…)

Dir alles Gute wünschend, sende ich Dir heute meine herzlichsten Grüße.

Dein Vater“

 

Joachim Rühlands Eltern wussten nicht, dass ihr Sohn zum Zeitpunkt ihrer Briefe bereits gefallen war, die Todesmitteilung hatten sie noch nicht erhalten. Ihr Brief kam am 02.02.1944 zurück, versehen mit dem Vermerk „Gefallen für Groß-Deutschland. Zurück.“.

 

III.   Gefallenenmitteilung an Gertrud und Wilhelm Rühland vom 25.12.1943

In der Gefallenenmitteilung vom 25.12.1943 wurde ihnen der Tod ihres Sohnes wie folgt geschildert (a.a.O., S. 168 f.):

„Sehr geehrter Herr Rühland!

Ich habe heute die traurige Pflicht, Ihnen die schmerzliche Mitteilung machen zu müssen, dass Ihr lieber Sohn, unser guter Kamerad, Reiter Joachim Rühland, am 14.12.1943 bei den schweren Abwehrkämpfen südlich Newel, in soldatischer Pflichterfüllung, getreu seinem Fahneneide für Führer und Vaterland gefallen ist.

Durch einen Kopfschuss ist Ihr Sohn, ohne zu leiden, sofort gestorben. Er wurde am selben Tage in Kroschkina, etwa 20 km nördlich Gorodok bestattet.

Ich spreche Ihnen, zugleich im Namen seiner Kameraden, denen er stets ein treuer und guter Kamerad war, meine wärmste Anteilnahme aus. Mit ihm haben wir einen unserer Besten verloren. Für Sie bedeutet der Tod Ihres lieben Sohnes ein unsagbar schweres Los. Möge die Gewissheit, dass Ihr Sohn sein Leben für die Größe und den Bestand des deutschen Volkes und Reiches hingegeben hat, Ihnen ein Trost in dem schweren Leid sein, das Sie betroffen hat.

Mit dem Gefühl aufrichtiger Anteilnahme grüßt Sie

Ihr

I.V. gez. Schaaf

Leutnant und Schwadronsführer“

 

IV.   Lebensdaten Joachim Rühland

 

 

Joachim Rühland, geboren am 25.01.1925 in Braunschweig, fiel am 14.12.1943 bei Newel. Er wurde in Kroschkina/Weißrussland beerdigt.

 

 

(Titelfoto: Kuvert des Briefs der Eltern an ihren Sohn mit Rücksendevermerk
[Quelle: Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Letzte Lebenszeichen – Briefe aus dem Krieg, S. 169])

 

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