Feldpostbriefe: Gedicht „Waldheimat“ des 18-jährigen deutschen Soldaten Reinhard Reschop während des Zweiten Weltkriegs über den deutschen Wald (Veröffentlicht am 02.01.2023, zuletzt geändert am 13.04.2026)
I. „Ein Vermächtnis“ des Zweiten Weltkriegs
Im Jahr 1955 erschien das Buch „Ein Vermächtnis – Briefe und Gedichte gefallener Soldaten des Zweiten Weltkrieges“ von Gertrud Karg von Bebenburg, eine Sammlung authentischer Feldpostbriefe und lyrischer Texte von Soldaten, die im Krieg gefallen waren.
II. Der 18-jährige Reinhard Reschop
In dem Buch befindet sich ein Gedicht, das Reinhard Reschop, erst 18 Jahre alt und deutscher Soldat, über den deutschen Wald geschrieben hat und das von einem erstaunlichen Talent zeugt. Der Krieg machte es zunichte, der Autor nahm sich im September 1943 in Pogorzelce nahe Białowieża/Polen durch Kopfschuss das Leben.
Er gehörte dem Reserve-Grenadier-Regiment 1 an, das primär für Ersatz- und Ausbildungsaufgaben sowie Sicherungsdienste in besetzten Gebieten eingesetzt wurde und ab Ende 1942 in Staubzy (Stolpce)/Weißrussland im sog. „Reichskommissariat Ostland“ stationiert war. Die Einheit gehörte zur 141. Reserve-Division und nahm neben ihrer eigentlichen Ausbildungsfunktion verstärkt an Einsätzen zur Partisanenbekämpfung teil, die in diesem Bereich westlich von Minsk sehr intensiv waren. Die Region Białowieża war ein Zentrum des Partisanenwiderstands und deutscher „Antiguerilla-Operationen“ gegen die Zivilbevölkerung und Widerstandskämpfer, darunter die endgültige Liquidation des Ghettos von Białystok im August 1943.
Ob der Selbstmord von Reinhard Reschop mit diesen Aktivitäten seines Regiments in Verbindung steht, ist nicht bekannt, aber kaum fernliegend.
III. Reinhard Reschops Gedicht über den deutschen Wald
In fast unheimlichem Kontrast zu den Verbrechen, die er vermutlich jeden Tag als Soldat mitansehen musste, womöglich musste er sich gar daran beteiligen, steht ein von ihm zu einem unbekannten Zeitpunkt verfasstes Gedicht, das in einfühlsamen Worten den deutschen Wald würdigt.
Es lautet (Quelle: v. Bebenburg, Ein Vermächtnis – Briefe und Gedichte gefallener Soldaten des Zweiten Weltkrieges [1955], S. 40 f.):
Waldheimat
Die Heimat ist der schönste Wald:
Wo rings die Wipfel beben,
durch Bäume jung und alt
die herben Winde wehen;
wo tiefes, grünes Moos
verträumt ins Dasein blickt;
wo weit im dichten Schoß
Gehölz in sich verstrickt;
wo schlanke Tannen stehen,
voll Stolz emporgereckt;
wo sich im Winde drehen
die Gräser, hochgereckt.
Die Heimat ist der Wald,
wo weit die Bäume rauschen.
Wo Stürme voll Gewalt
durchs leichte Buschwerk tauschen.
Wo Riesen trotzig stolz
den Stürmen widerstehen,
muß morsches, dürres Holz
im Kampf zugrunde gehn.
Wo leicht am Boden froh
ein kleines Bächlein rinnt,
wo träumend irgendwo
ein Mensch im Waldlicht sinnt.
Die Heimat ist der Wald,
der Seele Heimatstatt,
wo zierliche Gestalt
die Lebenszuflucht hat.
Wo Du nach hartem Los
zu neuem Sein erhebst,
was Du auf weichem Moos
an neuer Kraft erlebst,
Wo Du den Sinn erkennst
der göttlichen Natur,
wo Du das Sein erkennst,
das webt in der Natur.
Die Heimat ist der Wald!
Siehst Du den goldnen Schein,
der leuchtend überstrahlt
den Wipfel und den Hain?
Die Sonne segnet reich,
bevor sie schlafen geht,
das weite, grüne Reich,
das leis der Wind umweht.
Nun sieh! Der Glanz vergeht.
Der Tag ist sanft verhallt.
In tiefem Dämmern steht
die Heimat, unser Wald!
Anscheinend wurde die zauberhafte Gefühlswelt der „Waldheimat“ unter Krieg und „Partisanenbekämpfung“ zerstampft und damit auch der Lebenswille des Autors. Man kann dies nicht genug bedauern, aber es zeigt anschaulich das Wesen des Krieges.
III. Lebensdaten des Autors
Reinhard Reschop, geboren am 24.08.1925 in Berlin-Steglitz, beging am 23.09.1943 in Pogorzelce/Polen Selbstmord.
(Titelfoto: Ehrenfriedhof Heidelberg, April 2022)
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