Feldpostbriefe: Brief des deutschen Soldaten Kurt Marlow aus dem Jahr 1940 über den „deutschen Glücksfall Hitler“ (Veröffentlicht am 25.08.2026)


I.   Von verhassten Feinden zu gefeierten Befreiern

Aus heutiger Sicht besonders wertvoll sind die Äußerungen deutscher Soldaten aus den Anfangszeiten des Zweiten Weltkriegs, weil hier die Geisteshaltung, mit der viele von ihnen in den Krieg zogen, insbesondere die Überzeugung von der Richtigkeit des eigenen Tuns und der eigenen Überlegenheit, vielfach unverhohlen zum Ausdruck gebracht wird. Gegen Ende des Krieges hatten sehr viele Deutsche ihre ursprünglichen Überzeugungen schnell vergessen, übten sich in der Beteuerung ihrer angeblich seit jeher bestehenden Ablehnung des Nationalsozialismus und rühmten jedenfalls die Alliierten im Westen nunmehr als ihre „Befreier“.

Die verhängnisvolle deutsche Neigung, sich unter Ablehnung eigener politischer Verantwortung bedingungslos in den Dienst des aktuell Herrschenden zu stellen, zeigt sich hier besonders deutlich.

 

II.   Kurt Marlow berichtet aus Frankreich

Ein solcher Brief stammt von dem deutschen Soldaten Kurt Marlow, verfasst im Juli 1940 während des deutschen Vormarsches aus Frankreich (Quelle: Briefsammlung der Museumsstiftung Post und Telekommunikation Berlin, Kurt Marlow – 24 Briefe – September 1939 bis Januar 1945 – 3.2002.0884; vgl. auch Moutier, „Liebste Schwester, wir müssen hier sterben oder siegen“ – Briefe deutscher Wehrmachtssoldaten 1939-45, S. 95 ff.).

Er schreibt darin:

 

„Sonntag, den 21.7.40

Liebe Mama!

Heute war erst um 7 Uhr wecken, es ist direkt herrlich, wenn man sich einmal so richtig ausschlafen kann. Wir haben Betten, die aussahen wie Särge, da wird einfach das Stroh reingeschüttet darüber die Zeltplane und fertig ist das Lager, zum Zudecken habe ich 3 Decken also reichlich. Wir hausen in einem Gymnasium, ein ganz schöner Bau, überhaupt unser Ort ist ganz nett, viel Ansprüche darf man natürlich nicht stellen, die Fahrzeuge stehen alle auf dem Schulhof, man hat es also nicht sehr weit. Falls ich nicht gerade etwas zu fahren habe, baue ich am Wagen. Du schriebst von Ärger mit dem Motor, das war nur 2-3 Tage, seitdem läuft er wie eine Biene. Damals muss irgendwie Schmutz in den Tank gekommen [sein], dadurch blieb natürlich dauernd der Motor während der Fahrt stehen, ich habe mich die Platze geärgert. Der Motor läuft sonst so leise, dass man nur am Kontrollicht erkennen kann, ob er noch in Bewegung ist. Inzwischen habe ich 2 Reifenpannen gehabt, nun lache nicht, während der Bahnfahrt. Ich habe Werner Degenkolb hier bei der Durchfahrt zweimal getroffen, er ist in einem Nebenort, ungefähr 16 km entfernt. Ein dolles Nest, 90% Juden, alles vermistete Gestalten, nur wenige sind nett gekleidet. Auch die Häuser sind unter aller Kanone, Degenkolb muss in irgendeinem Lager wohnen. In Schlesien traf ich einen aus der Zahnprothese, der Radfahrer der mein Boot kaufte, er lässt Dich grüßen. Ich staune nur, wie viele Menschen ich so kenne und was man so alles trifft.

Von Dir bekam ich 2 Päckchen, vielen Dank der Kuchen schmeckt tadellos ebenso die Sahnebonbons. Ist bei Dir auch so eine Hitze, also hier knallt vielleicht die Sonne auf die Landstraße herunter, auf den Landstraßen herrscht ein Staub, dass man vorfahrende Wagen nicht erkennen kann, aber überall wird daran gearbeitet. Die Straßenbaufirmen sind allesamt aus Deutschland, vor allem aus Stuttgart, der Aufseher ist natürlich auch Deutscher. Die Juden sind auch noch viel zu wenig eingesetzt worden, ein großer Teil lungert noch in den Straßen umher. Die Felder sind tadellos bestellt und in Ordnung, das wird eine ungeheure Ernte werden. Ja, ja Adolf hat schon gewusst, was er macht, jetzt haben wir Getreide genug und brauchen denn auch wohl nach der Ernte nichts mehr einzuführen. Das Elsass wird wohl auch zum Reich kommen, dann haben wir einfach alles. Lass man erst den Krieg vorbei sein, wie dann Deutschland groß wird, das wächst denn schneller wie in Amerika auf. Jedenfalls ist ein Mann wie Adolf Hitler einmalig, ein Glück für uns, dass sich in einem anderen Land nicht auch so ein Mann befindet. Was sagst Du zu der Rede, wir waren jedenfalls sprachlos, überhaupt über das Friedensangebot, die Engländer haben ja gestern alles glatt abgelehnt. Es wird wohl in den nächsten Tagen losgehen, mir tut nur die unschuldige Bevölkerung leid, aber diesmal gibt es kein Pardon.

Gestern war ich im Kino, es gab die Wochenschau von der Einnahme von Paris, von Verdun usw. zufällig waren einige Kompanieangehörige auch zu sehen. Dann der Hauptfilm »Geheimzeichen LB 17« mit Willy Birgel, ganz nett. Das Kino ist wie das Rheinschloss bei uns, sehr schön sauber und mit Balkon.

Gerade kommen die neuen Urlaubsbestimmungen, jeden Tag fahren 2 Mann und 3 Wochen, ab 1. Aug., ganz groß, unser Oberstabsarzt ist in Ordnung, das kann man wohl sagen.

Nun sei herzlich gegrüßt von

Deinem Kurt“

 

III .  Lebensdaten

Kurt Marlow wurde 1914 in Peenemünde geboren. Er wurde 1939 einberufen und nahm als Sanitäter mit der 68. Infanteriedivision an den Feldzügen gegen Polen, Frankreich und Russland teil. Gegen Kriegsende gehörte er der 719. Infanteriedivision an, die nach der alliierten Invasion in der Normandie in Belgien und Holland kämpfte und bei den Rückzugskämpfen im März/April 1945 in der Pfalz aufgerieben wurde.

Kurt Marlow gilt seit Ende April 1945 als vermisst.

 

(Titelfoto: Grabkreuze auf dem
deutschen Soldatenfriedhof Lommel/Belgien, Dezember 2025)

 

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