Feldpostbriefe: Brief des russischen Soldaten Fjodor Mostowoi über die Bekämpfung der Deutschen bis zum letzten Blutstropfen, Stalingrad 1942 (Veröffentlicht am 14.09.2026)

 

I.   „Die Russen kommen!“ – Ein deutsches Trauma

„Die Russen kommen!“ Unter den Deutschen, die den Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib erfahren haben, war wohl kaum eine Parole mit mehr Angst und Schrecken verbunden als diese, insbesondere unter denjenigen, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten geflüchtet waren. Wer dies erlebt hatte, war davon für den Rest des Lebens geprägt.

Warum die Russen gekommen waren, rückte dabei allerdings erstaunlich oft in den Hintergrund. Häufig erzählt wurde unter den Deutschen – und ich selbst war als Kind und Jugendlicher nicht selten Zuhörer solcher Erzählungen – von haarsträubenden russischen Gewalt- und Gräuelexzessen, die auch Frauen, Kinder und Alte nicht ausnahmen, nie hingegen von den nicht weniger haarsträubenden Gewalt- und Gräuelexzessen, die zuvor Deutsche auch gegen russische Frauen, Kinder und Alte verübt hatten. Ebenso kaum berichtet wurde von Russen, die sich schützend vor Deutsche gestellt hatten – auch diese gab es –, genauso wie umgekehrt auf der anderen Seite Deutsche keine Erwähnung fanden, die Russen geschützt hatten.

Das Leid, das all diese gequälten Menschen erlitten haben, ist nicht gegeneinander aufrechenbar, die gegen die einen begangenen Gewalt- und Gräueltaten sind so schlimm wie diejenigen gegen die anderen. Aber man darf die historische Ursachenkette nicht vergessen, die damals dazu führte, dass die Russen kamen – insbesondere wenn es darum geht, eine Wiederholung der Geschichte zu vermeiden.

 

II.   Feldpostbriefe russischer Soldaten: Fjodor Mostowoi

Vor diesem Hintergrund lohnt ein Blick auf die Gedanken- und Gefühlsweit auch im Zweiten Weltkrieg eingesetzter russischer Soldaten, wofür einmal mehr Feldpostbriefe sehr aufschlussreich sind. Es gibt einige wenige deutschsprachige Sammlungen mit russischen Feldpostbriefen aus dem Zweiten Weltkrieg, die einen wertvollen Teil zum Verständnis der damaligen Geschehnisse beitragen.

Solche Briefe sind beispielsweise in dem Buch „Junge deutsche und sowjetische Soldaten in Stalingrad“ von Jens Ebert enthalten. Dort findet sich der folgende Brief des Rotarmisten Fjodor Mostowoi, geschrieben im Oktober 1942 aus dem Raum Stalingrad (a.a.O., S. 194 ff.):

 

„18.10.1942

Guten Tag, Genosse Partasewitsch!

Sie kennen mich natürlich nicht, doch gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin der beste Freund von Wolodja Jazkewitsch – Fjodor Je. Mostowoi. Ich kenne Wolodja Jazkewitsch seit dem letzten Jahr, d.h. seit dem Moment, als wir zusammen an die Front fuhren. Seitdem sind wir die besten Freunde. Doch das Schicksal wollte es, dass wir im Frühling dieses Jahres getrennt wurden, weil er in einen anderen Verband versetzt wurde. Als er ging, gab er mir Ihre Adresse. Danach haben wir uns noch öfter getroffen, doch heute habe ich erfahren, dass Wolodja getötet wurde. Er hatte mich gebeten, dass ich Ihnen schreibe, falls ihm etwas zustoßen sollte. Ich kann es nicht fassen, es fällt mir schwer zu schreiben und ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass es Wolodja nicht mehr gibt. Das Leben meinte es nicht gut mit ihm, er verlor seine Familie, der er endlos nachtrauerte, und konnte sich nicht mit dem Gedanken abfinden, dass er seine Familie nicht mehr wiedersehen wird, doch so war es. Er träumte davon, dass wir die Deutschen von unserem heiligen Boden vertreiben und er wieder glücklich sein würde wie Tausende andere, die so waren wie er.

Doch eine heimtückische Kugel, die direkt in sein Herz traf, bereitete dem Leben des flammenden Patrioten, Bolschewiken und Unterpolitleiters W. Jazkewitsch ein Ende. Ungeachtet aller Unbilden des Lebens, ungeachtet der Tatsache, dass er seine Familie verloren hatte, war Wolodja ein Kamerad mit starkem Charakter, er ließ sich niemals anmerken, dass er traurig oder in schlechter Stimmung war. Er flößte allen den Glauben an unseren Sieg ein, er glaubte an ihn, da, wo Wolodja war, da ging es fröhlich und angenehm zu. Alle Kameraden, die Wolodja kannten, trauern um ihn. Gestern wurde Wolodja begraben, an seinem Grab haben wir geschworen, die Deutschen zu bekämpfen, solange wir Kraft haben, sie zu bekämpfen bis zum letzten Blutstropfen, und unseren besten Freund 100-fach zu rächen. Möge das Blut, das Wolodja vergossen hat, die Kindesmörder, Räuber, Einbrecher und Diebe verfolgen und ihnen weder tags noch nachts Ruhe geben. Möge es ihren Schlaf jede Minute unterbrechen und sie von schrecklichen Qualen träumen lassen. Doch für uns wird es ein Quell des Hasses auf den Feind sein, ein Quell der Rache an den blutrünstigen arischen Fratzen.

Wolodja gibt es nicht mehr, er fiel als Held, als er seine entweihte weißrussische Erde befreien wollte. Er kämpfte tapfer, war unverwundbar, schaute dem Tod direkt ins Gesicht und fürchtete ihn nicht. Wir haben geschworen, im Kampf genauso furchtlos zu sein wie Wolodja, und seien Sie versichert, dass wir ihn rächen werden!!

Wenn Sie möchten, schicken Sie eine Antwort an folgende Anschrift:

Feldpoststation 1613, Verband 154

F. Je. Mostowoi

Verzeihen Sie, fast hätte ich dies vergessen: Wolodja Jazkewitsch starb im Kampf gegen die deutschen Eindringlinge bei der Station Kotluban, Verwaltungsgebiet Stalingrad. Dort wurde er auch beigesetzt.“

 

III.         Lebensdaten

Die Feldpoststation 1613 gehörte 1942 zur 260. Schützendivision (2. Formation), die ab September 1942 im Raum Stalingrad/Samofalowka/Kotluban kämpfte. Sie blieb bis zum Kriegsende aktiv und wurde 1945 u. a. in den Kämpfen an der Oder-/Pommern-Front eingesetzt.

Öffentliche Register führen einen Rotarmisten mit Namen Fjodor Jewsejewitsch Mostowoi (Мостовой Федор Евсеевич), geb. 1913 in Kalinowka/Ukraine und gefallen am 12. März 1945 bei Schiklos (Siklós)/Ungarn und dort bestattet. Er war zu dieser Zeit Angehöriger des 41. Schützenregiments der 84. Schützendivision, die Anfang März 1945 aus dem Raum Székesfehérvár nach Südungarn verlegt worden war und dort den deutschen Brückenkopf nördlich der Drau beseitigen sollte. Dass es sich dabei um den Autor des obigen Briefes handelt, ist wahrscheinlich, derzeit aber nicht mit letzter Sicherheit zu ermitteln

 

 

(Titelfoto: Grabstein eines russischen Säuglings
auf dem Soldatenfriedhof Brandau/Odenwald, August 2025)

 

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