Feldpostbriefe: Brief des deutschen Soldaten Herbert Duckstein an seinen ungeborenen Sohn, Januar 1942 (Veröffentlicht am 02.06.2026)

 

I.   Herbert Duckstein und die Propaganda-Kompanie 690

Herbert Duckstein, geb. am 23.02.1909 in Magdeburg, war Angehöriger der Propaganda-Kompanie 690. Die Propaganda-Kompanien waren eine eigene Truppengattung, die der kämpfenden Truppe zugeordnet und neben der Kriegsberichterstattung in Wort, Bild und Film u. a. auch die Aufgabe hatte, den Feind mittels „Kampfpropaganda“ zu beeinflussen und umgekehrt feindliche Propaganda zu bekämpfen. Grundsätzlich gehörte jeder Armee eine Propagandakompanie an.

Die Propaganda-Kompanie 690 wurde Anfang 1940 für die 12. Armee aufgestellt, sie nahm 1941 am Balkanfeldzug der Wehrmacht teil.

 

II.   Brief an seinen ungeborenen Sohn

Anfang Januar 1942 schrieb Herbert Duckstein den folgenden Brief an seinen noch nicht geborenen Sohn, der kurz darauf zur Welt kam (Quelle: Dollinger „Kain, wo ist Dein Bruder? Was der Mensch im Zweiten Weltkrieg erleiden musste – dokumentiert in Tagebüchern und Briefen“ (1983), S. 118 ff.):

 

„Noch hat die Reise nicht begonnen, Deine nicht und meine nicht. Noch stehen wir vor dem großen Abenteuer, Du vor Deinem, was wir Leben nennen (ohne allzu viel damit auszusagen), ich vor dem meinen, in das Krieg und Zeitverhältnisse mich führen. Dieser Brief an Dich ist darum zunächst ein Brief an Deine Mutter, die als die große Mittlerin mit ihrem eigenen Leben zwischen Deinem und meinem steht…

Ich liebe Dich, solange Dein gedämpfter Herzschlag die Bahn bezeichnet, die zu gehen Dir bestimmt ist. Ich scheine Dich aber nicht genug zu lieben, und das ist Väter Art, um alle Feigheit über Bord zu werfen und allen Mut aufzubringen, der in diesem Moment notwendig wäre, um gerade in der Stunde, da Du das Abenteuer des Lebens beginnst, bei Deiner Mutter und Dir zu sein. Die Männer haben sich einen Pflichtbegriff in Jahrtausenden zurechtgemacht, der sie immer weiter von der Menschlichkeit entfernt hat.

Dieser Brief an Dich ist darum recht eigentlich ein Akt der Feigheit, der Verachtung verdiente. Wo stünden wir, wie gesegnet wäre das Menschengeschlecht, wenn Pflichtgefühl und Menschlichkeit eines für das andere gesetzt werden könnten! Wenn beides die gleichen Wurzeln hätte. Vielleicht ist das ein Ziel menschlichen Strebens, im Augenblick jedoch sind wir weiter entfernt davon denn je… Einem Vater, der sich der Feigheit bezichtigt, stünde es schlecht an, seinem Kinde, noch bevor es ein Ohr dafür hat, Belehrungen und Ratschläge zu erteilen. Das will und kann ich nicht, wie mir Menschen, die eine Kluft zwischen Rat und Tat gerissen haben, überhaupt im Herzen zuwider sind. Von der Tat allenfalls kann ein Rat ausgehen, die Tat kann ein Vorbild geben, aber der Rat allein bedeutet eine ungeprägte und darum wertlose Münze.

Ich will Dir also nicht raten, sondern nur sagen, wie ich es gehalten habe, und womit ich glaube einen gangbaren Weg gefunden zu haben.

Ich bin von jeher misstrauisch gegen jede theoretische Belehrung gewesen. Nichts ist nach meiner Auffassung (und alles, was ich hier niederlege, trägt das unverwechselbare Siegel des Individuellen) wiederholbar, am wenigsten ein Menschenleben. Jedes Menschenleben hat eine eigene, andere Mischung der Säfte und der Seelen zur Wurzel, und jeder Mensch durchlebt seine Zeit, und jeder Ort hat zu jeder Stunde seine eigenen Verhältnisse, sein unwiederholbares, geistiges Klima. Umstände der Zeit und des Ortes helfen den Menschen formen, und er härtet sich, indem er sich gegen sie durchsetzt. Die geistige Begabung ist immer eine andere, und die seelische Disposition wird aus Kräften des Blutes gespeist, die aus dunklen, unbekannten Tiefen aufsteigen, und von denen keiner weiß, worin sie wurzeln…

Ich bin immer misstrauisch gegen Menschen gewesen, die schnell mit dem Wort, dem gesprochenen und dem geschriebenen, fertig sind. Nur wer Verantwortung als ein Gesetz in sich trägt, hat auch Verantwortung vor dem Wort, diesem schönsten, edelsten und gefährlichsten Werkzeug, das eine unendliche Reihe von Generationen als den kostbarsten Schatz des Menschen an uns vererbt hat. Verantwortung vor der Sprache ist die höchste Verantwortung vor der menschlichen Gemeinschaft. Darum ist es besser, lange zu schweigen und wenig zu sprechen und die Sprache für Notzeiten aufzuheben, da man nicht anders kann, als sich unter ihr schützendes Dach zu flüchten.

Menschen, die schnell mit dem Wort fertig sind und das gesprochene so zu handhaben wissen, dass die Zuhörer geblendet davon sind, wirken auf die Dauer nur auf Unvollkommene und Minderwertige. Sie sind die glänzenden Rhetoriker, die alles, auch das Rätselhafteste, das den Philosophen und Denktüchtigen bis zu ihrem Tode ein Rätsel blieb, mit einem Satz zu »enträtseln« vermögen, die für jede geheime Pforte vorgeben, den Schlüssel zu besitzen. Es sind Oberflächenmenschen ohne die abgründige Tiefe eines wirklichen Innenlebens, oder es sind jene Quacksalber und Dilettanten des Lebens, für die Goethe das Wort gefunden hat: »Das ist das wahre Wesen der Dilettanten, dass sie die Schwierigkeiten nicht kennen, die in einer Sache liegen, und dass sie immer etwas unternehmen wollen, wozu sie keine Kräfte haben.« Sie selber pflegen ihren Zustand nicht einmal zu kennen, weil sie nicht wissen, dass sie nichts wissen, oder weil das Leben ihnen scheinbar noch keine ernsten Schwierigkeiten gemacht hat, und weil bei Zuhilfenahme ihres Taschenspielertricks die Rechnung immer noch im letzten Augenblick aufging.

Oswald Spengler hat den Mut gehabt, das kühne Wort auszusprechen: »Optimismus ist Feigheit.« Ich habe die Optimisten nie beneidet, weil ich sie um ihre Enttäuschungen nicht beneide. Sie sind die legitimen Brüder der Dilettanten in dem Sinne, wie Goethe sie gemeint hat. Sie glauben den Himmel noch in einem rosigen Licht zu sehen, wenn schwere Gewitterwolken ihn schon verdunkelt haben. Sie sehen das schwere Wetter nicht, weil sie es nicht sehen wollen. Sie verschließen, wenn die Wolken sich schon geöffnet haben, noch die Augen davor, nur, um als Optimisten recht zu behalten – oder weil es sehr schwer ist, wieder umzukehren. Nein, wir wollen die Augen weit geöffnet halten, wollen die Dinge nicht so sehen, wie wir wünschen, dass sie wären, sondern wollen sie sehen, wie sie unsere empfindlichen Sinne und der wache Verstand wahrnehmen.

Das hat am wenigsten mit Bequemlichkeit gemein. Ich bejahe das Abenteuer, weil es Geist und Seele elastisch hält. Wer einen elastischen Geist besitzt, der braucht nicht die bequeme und unverbindliche Haltung des Optimisten, den der Volksmund gern als »unverbesserlich« bezeichnet (wie es ein Bösewicht auch sein kann). Der geistig Elastische, den kein Dogma hemmt, vermag sich sogar der stärkeren Umwelt anzupassen, ohne dass er ihr sich unterwirft. Unterwerfung bedeutet Auslieferung, und Auslieferung bedeutet den Tod.

Aber über alledem dürfen wir die Demut nicht gering achten. Die Beschäftigung mit etwas Höherem, als unser Verstand erfassen kann, und unser unentwegtes Streben danach verlangt Demut. Das Unbegreifliche wird nicht begreifbar, indem wir es negieren. Diese Haltung stünde Optimisten an, die wir nicht sein wollen und nicht sein dürfen, weil der Optimist entweder vor Schwierigkeiten die Augen verschließt oder aber ein Rezept zur Hand hat, anstatt das Leiden auszukosten und dadurch eine Läuterung zu erfahren. Rezepte haben selbst da, wo sie zu Hause sind, nämlich in der Heilkunde, nur ein bedingtes Daseinsrecht. Das Wesen des Rezeptes setzt ja voraus, dass jeder normal veranlagte Mensch auf einen bestimmten Reiz in der gleichen Weise reagiert, was ich in dieser begrifflich notwendigen Verallgemeinerung für falsch halte. Demut und Duldsamkeit sind die Maßstäbe, die dem geistigen Menschen eignen. Der Geist lässt sich nicht Zangen anlegen. Wer sich anmaßt, den Geist fruchtbar zu erhalten, wenn er ihm Zangen anlegt, der hat vom Geiste keinen Hauch verspürt. Hochmut und Unduldsamkeit sind die Kennzeichen des ungeistigen Menschen, der seine eigene, geistfremde Haltung als die allein gültige und darum gesetzliche ansieht. Er ist so ungeistig, dass er optimistisch genug ist, an die Dauer und den Triumph seiner Haltung zu glauben. Es ist ein Scheintriumph, den er vielleicht lange auskosten kann, mit allen Freuden, die mit dem Triumph einhergehen, um dann eines Tages seinen Träger nur umso tiefer in den Staub gestoßen zu sehen.

Wir wollen das Leben als ein Abenteuer bejahen, wollen über seine Höhen und Tiefen gehen (denn jene begreifen wir nur, wenn wir diese kennenlernen), wollen es auskosten, solange es nicht auf Kosten des Mitmenschen geht, und wollen demütig sein, wenn Schicksal oder Fügung, diese Summe von hunderttausend Unwägbarkeiten, die Gott für uns bereithält, uns aus diesem Abenteuer nicht mehr heimkommen lassen.

Mit der ganzen Liebe, zu der er fähig ist, und die nur nicht ganz auszureichen scheint, um Zeuge Deines ersten Schrittes in Dein großes Abenteuer zu sein, grüßt Deine Mutter, Dein Bestes auf Erden und Dich

Dein Dir noch unbekannter Vater“

 

III.   Tod im Juni 1944

Herbert Duckstein wurde später wegen defätistischer Äußerungen degradiert und zum Einsatz gegen Partisanen in Griechenland, die sog. Andarten, strafversetzt. Er wurde am 02.06.1944 bei einem Partisanenüberfall bei Ioannina getötet, sein Grab befindet sich heute auf dem deutschen Soldatenfriedhof Dionyssos-Rapendoza bei Athen.

 

 

(Titelfoto: Deutscher Soldatenfriedhof Sandweiler/Luxemburg,
September 2024)

 

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