Julius Erasmus: Die schweren Brände im Hürtgenwald nach Ende des Zweiten Weltkrieges (Veröffentlicht am 18.09.2026)

 

I.   Die Brände im Hürtgenwald im August 2026

Im August 2026 brannte der Hürtgenwald. Begleitet von bundesweiter und internationaler Berichterstattung in Presse und Medien eilte die deutsche Politprominenz in den betroffenen Ortsteil Hürtgenwald-Gey, um sich dort über Tage bei der Bekämpfung des – laut Ministerpräsident Wüst (Archiv) – angeblich „größten Waldbrandes in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen“ in Szene zu setzen. Letzten Angaben der Landesregierung zufolge beläuft sich die durch diesen Brand geschädigte Waldfläche auf „rund 300 bis 400 Hektar“ (Archiv).

So bedauerlich die Ereignisse bei Gey für die Betroffenen waren: Wer mit der Nachkriegsgeschichte des Hürtgenwaldes etwas näher vertraut ist, konnte über die Thesen der politischen Protagonisten nur staunen. Das Land Nordrhein-Westfalen wurde am 23.08.1946 gegründet, bereits in den Jahren 1945 bis 1948 suchten immer wieder starke Waldbrände den Hürtgenwald heim.

 

II.   Die Brände im Hürtgenwald nach Ende des Zweiten Weltkrieges

Diese Brände waren auch für die Bergung der Kriegstoten aus der Schlacht im Hürtgenwald von großer Bedeutung, lagen doch viele dieser Toten noch in Feldgräbern oder gar unbestattet in den weitläufigen, durch die Kämpfe stark in Mitleidenschaft gezogenen Waldgebieten, wo Julius Erasmus und seine Helfer nach ihnen suchten.

Baptist Palm, Teilnehmer der Kämpfe im Hürtgenwald und später Bürgermeister von Vossenack, schreibt hierzu in seinem Buch „Hürtgenwald – Das Verdun des Zweiten Weltkriegs“ aus dem Jahr 1953 (a.a.O., S. 108):

 

„Der Spätsommer 1945 kam. Überall in den Wäldern nicht zu ertragender Verwesungsgeruch. Trotzdem wurde von höherer Stelle nichts unternommen, die Soldaten zu beerdigen. Dann kam das Schreckliche für die zahllosen Hinterbliebenen, die ihre Toten suchten, die hier unbeerdigt lagen: die Wälder brannten! Ja, irgendein Umstand, vielleicht waren es die Berge von Munition, die herumlagen, vielleicht war es Phosphor, welches durch die Hitze entzündet wurde, hatten diesen Brand entfacht. Hunderte Hektar Wald zwischen Vossenack und Hürtgen brannten. Berge von Munition aller Art gingen in die Luft und entfachten das Feuer immer wieder von neuem. Die vielen Hunderte von Leichen (niemand weiß die Zahl) verbrannten und verkohlten. Schwarze Knochenreste lagen wild zerstreut auf dem schwarzen, verbrannten Waldboden. Nur die schwarzen, verkohlten Baumstumpen ragten gen Himmel und klagten die Welt an.“

 

1.   Die Waldbrände im Sommer 1945

Trotz der Nachkriegseinschränkungen wurden die damaligen Brände durch die zuständigen Forstämter bis in Details dokumentiert, einige dieser Akten sind im Landesarchiv NRW verfügbar und wurden im Rahmen der hiesigen Recherchen zu Julius Erasmus schon vor einiger Zeit gesichtet.

In diesen Akten finden sich beispielsweise Angaben zu einem Brand im Hürtgenwald im Sommer 1945, noch vor Gründung des Landes NRW. Einer Meldung vom 02.08.1945 ist dabei zu entnehmen, dass allein dieser Waldbrand am 26.07.1945, der die Bereiche Kleinhau, Großhau, Vossenack und Raffelsbrand betraf, 420 Hektar Waldfläche verbrannte (vgl. Landesarchiv NRW, Akte BR 1132 Nr. 116).

 

2.   Die Waldbrände im Jahr 1947

Noch wesentlich massiver waren diesen Akten zufolge die Waldbrände in dem überaus heißen Jahr 1947, dem Jahr nach Gründung des Landes NRW.

So ist darin allein für den Zuständigkeitsbereich des Forstamtes Hürtgen und den Zeitraum vom 26.03. bis 20.09.1947 die Gesamtzahl von 58 (!) Bränden dokumentiert, die Waldflächen im Gesamtumfang von 2.222 Hektar (!) geschädigt haben (vgl. Landesarchiv NRW, Akte BR 1132 Nr. 124).

 

 

In dem entsprechenden Bericht scheinen zwei weitere Großbrände in diesem Jahr in Germeter (Oktober 1947, Schadensfläche 185 Hektar) und Raffelsbrand (September 1947, Schadensfläche 95 Hektar) noch gar nicht enthalten sein, was die brandgeschädigte Waldfläche für das Gesamtjahr auf rund 2.500 Hektar erhöhen würde.

Besonders massiv waren den Angaben zufolge dabei drei Brände am 27./28.06.1947, am 15.08.1947 und ein vom 12. bis 19.09.1947 gar über eine Woche wütender Brand. Ersterer betraf die Bereiche Germeter, Hürtgen, Kleinhau und Großhau und verbrannte Flächen von rund 313 Hektar. Der zweite betraf Raffelsbrand und Germeter, Schadensfläche 395 Hektar. Der letztgenannte, betreffend Germeter, Vossenack, Hürtgen, Bergstein, Kleinhau und Großhau, schädigte sogar eine Fläche von rund 757 Hektar (Quelle jeweils Landesarchiv NRW a.a.O.).

Zu dem erstgenannten Brand gibt es auch einen Bericht in der damals noch spärlich vorhandenen Lokalpresse, entstammend der Zeitung „Volksstimme“ vom 07.07.1947:

 

 

III.   Die Folgen der Brände für die Kriegstoten im Hürtgenwald

Diese massiven Brände, die vielfach inmitten der ehemaligen Kampfstellungen ausgebrochen waren, vielfach durch Selbstentzündung herumliegender Kampfmittel, insbesondere Phosphor, in der damals außergewöhnlichen sommerlichen Hitze, erschwerten die Bergung der Kriegstoten erheblich.

Sie hatten zur Folge, dass von dort unbestattet liegenden Toten lediglich Knochen übrig blieben, was deren Zuordnung und Identifizierung, für die sonst oftmals vorhandene Uniformreste und Ausrüstungsgegenstände wertvolle Anhaltspunkte gaben, fast unmöglich machte. In diesen Waldgebieten vorhandene Feldgräber, meist mit einem eilig gezimmerten Holzkreuz nebst darauf platziertem Stahlhelm des Opfers markiert, waren durch die Feuereinwirkung nicht mehr ohne weiteres auszumachen. Grabhügel wurden versengt und mit Asche bedeckt, Grabkreuze verbrannten und entfielen damit als Anhaltspunkt.

Nicht zuletzt diesen massiven Waldbränden ist es zuzuschreiben, dass viele auf den Soldatenfriedhöfen in Vossenack und Hürtgen bestatteten Toten bis zum heutigen Tag unbekannt blieben.

Baptist Palm kommentierte in seinem Buch (a.a.O., S. 108/109):

 

„Und wenn damals zahlreiche Familien die Nachrichten erhalten haben: »Der Sohn, der Vater, der Bruder, gefallen oder vermisst im Hürtgenwald«, und heute noch nicht wissen, wo er die letzte Ruhestätte (…) hat, dann ist er unter denjenigen, denen die Natur ein Grab schaufelte, (…). Niemals werden die Angehörigen die Gräber ihrer lieben Gefallenen besuchen können. Nur das eine wissen sie: Irgendwo im Hürtgenwald ist er gefallen, irgendwo in diesem Totenwald ist er unbeerdigt verbrannt, vom Raubwild verschleppt, der Wald ist sein Grab.“

 

Allerdings werden auch in den ehemaligen Waldbrandflächen bis heute vereinzelt immer noch Kriegstote geborgen und identifiziert, beste Beispiele sind der US-Soldat Robert Cahow im Jahr 2001 und der deutsche Soldat Benno Schott im Jahr 2011, die beide im Bereich Raffelsbrand gefunden wurden.

 

 

(Titelfoto: Der Hürtgenwald bei Hürtgen im Herbst,
Oktober 2019)

 

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