Tagebücher aus dem Krieg: Der deutsche Soldat Hermann Liebig beschreibt den Verlust seiner Füße in Russland im Jahr 1942 (Veröffentlicht am 13.05.2026)
I. Die Kämpfe im Nordabschnitt der Ostfront im Sommer 1942
Im Juli 1942 lag die deutsche 8. Jäger-Division im Bereich der Heeresgruppe Nord südlich des Ilmensees und befand sich im Dauereinsatz. In den dortigen Sumpf- und Waldgebieten sicherte sie in schweren Kämpfen den mühsam freigekämpften, schmalen Versorgungsschlauch zum Kessel von Demjansk gegen heftige sowjetische Gegenangriffe.
II. Hermann Liebig verliert seine Füße
Hermann Liebig kämpfte dort als Angehöriger der Division. Er berichtete später über diese Kämpfe, in denen er am 20. Juli 1942 beide Füße einbüßte (Quelle: Dollinger „Kain, wo ist Dein Bruder? Was der Mensch im Zweiten Weltkrieg erleiden musste – dokumentiert in Tagebüchern und Briefen“ (1983), S. 148 ff.):
„Ich bin bei der Stabskompanie als Oberjäger Zugführer und der 5. Kompanie unter Oberleutnant Stark zugewiesen. Um 21.25 Uhr, durch die Mitternachtssonne ist es noch taghell, werde ich an der rechten Flanke des II. Jäger-Regiments 38 eingesetzt und erreiche im »Nachtgefecht« die Straße Bol. Dubowiczy-Wassiljewschtschina. Aus den Panzern T 34 jenseits der Straße schlägt uns mörderisches Feuer entgegen. Wir bleiben an der Straße liegen. Vorsichtshalber befehle ich noch »Eingraben« im Straßengraben. Mein Sanitäter klettert in ein zerschossenes Sturmgeschütz, das im Straßengraben liegt. Ich warne ihn, dass das ein sicheres Ziel sei; er aber lacht nur.
Gegen 8.00 Uhr kommt Oberleutnant Stark zu mir und informiert mich über die Lage und den Angriffsbeginn gegen 9.00 Uhr. Um 8.10 heulen die Stukas über uns und bombardieren die T 34, die 80 Meter vor uns im Sumpf stecken und nur mit dem Geschützturm aus der Erde ragen. Plötzlich ist eine »Rata« zwischen den stürzenden Stukas. Ich beobachte, wie der Heckschütze beim Abfangen des Sturzkampfbombers wie wild auf den russischen Jäger schießt. Die »Rata« hinter ihm her. In 200 Meter Höhe schießt aus dem Angreifer eine schwarze Rauchfahne und im gleichen Augenblick löst sich ein schwarzer Punkt aus dem Jäger. Der Fallschirm öffnet sich sofort und ein Mensch hängt daran. Das alles spielt sich in wenigen Sekunden über unseren Köpfen ab.
Nun treibt der Wind den Fallschirm auf die russischen Stellungen zu, und ich ahne Furchtbares: Lag das feindliche Artilleriefeuer bisher weit hinter uns, da wir ja im Nachtgefecht bis hier an die Straße vorgekommen sind, was der Feind noch nicht wusste, so hatte der abgesprungene Pilot von oben gesehen, dass alle deutschen Angriffskräfte an der Straße liegen. Kaum ist der Russe gelandet, liegt die ganze Straße unter Artilleriefeuer. Eine trommelfellzerreißende Detonation schleudert mich auf die Straße. Ich habe das Gefühl, mich hat es in tausend Stücke gefetzt! Nur ein Gedanke ist in mir hellwach: Der Panzer vor mir! Ich sehe schon, wie das Rohr auf mich zuschwenkt und krieche auf allen Vieren in den Granattrichter, einen halben Meter hinter meinem gegrabenen Loch – da kracht auch schon die Panzergranate in die gegenüberliegende Straßenböschung.
Nun sehe ich erst die »Bescherung«: der rechte Fuß ist über dem Knöchel abgerissen, der linke Fuß hängt verdreht am Bein. Die Stiefel sind weggefetzt, ebenso die Hose. Bis zu den Knien starrt mich die blasse Haut an. Ich habe das Gefühl: Du bist tot! Kein Blut – kein Schmerz…
Der »Sani« springt aus seinem zerschossenen Sturmgeschütz. Zum Verbinden ist keine Zeit. Nur weg! Mit zwei Mann tragen sie mich in einer Zeltplane nach hinten zum Regiments-Gefechtsstand, von dem ich vor 12 Stunden abgerückt bin. Vorher übergebe ich noch das Kommando über den Zug an Oberjäger Krczyz. Auf unserem Weg nach rückwärts begegnen wir zwanzig Russen, die beim Stuka-Angriff über den rechten Flügel gekommen sind; alle unbewaffnet und völlig demoralisiert. Einer läuft mir über den Weg, der mir den Mut zum Weiterleben gibt: er hat den linken Arm bis ins Schultergelenk abgerissen, total blutverschmiert. Wenn der nach so einer schweren Verwundung noch lebt und umherläuft, dann schaffst Du es auch wieder!
Am Gefechtsstand sind alle besorgt um mich, denn durch mein jugendliches Aussehen war ich eine Art Nesthäkchen. Obwohl ich nicht rauche, steckt mir der Oberleutnant zur Beruhigung eine Zigarette in den Mund – und es tut gut! Auf dem Hauptverbandsplatz erlebe ich eine neue Überraschung: Der Oberarzt fasst mit einer Pinzette die Hauptschlagader in meinem abgerissenen Stumpf und zieht sie 10 Zentimeter heraus. Da spritzt das Blut! »Das war Ihre Rettung«, sagt er. »Sie haben Rolladern, die sich verschließen durch Zusammenrollen!« Ab geht‘s ins Feldlazarett … Ich bekomme eine Evipanspritze in die Armvene und – als ich wieder zu mir komme, sind beide Stümpfe gleich lang…“
Wer deutsche Teilnehmer des Zweite Weltkriegs noch persönlich gesprochen hat, ist mit der fast schon gleichgültig anmutenden Schilderung blutiger Details selbst schwerwiegender Verwundungen wie dieser vertraut. Es war Teil des damaligen Selbstverständnisses, keine Schwäche zu zeigen. Wie es jenseits der heldenhaften Darstellungen wirklich in diesen Menschen aussah, war oftmals eine andere Frage.
III. Biografische Daten
Über Herrmann Liebig ist nichts weiter bekannt, er scheint den Krieg jedoch überlebt zu haben.
(Titelfoto: Kreuze auf dem deutschen Soldatenfriedhof Weeze,
November 2025)
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