Marianne Dohm-Franke, deutscher Soldatenfriedhof Lommel

Tagebücher aus dem Krieg: Die Erinnerungen von Marianne Dohm-Franke an ihr Zusammentreffen mit einer blinden alten Frau in einem dunklen Keller in Chemnitz im März 1945 (Veröffentlicht am 10.04.2026)

 

I.   Luftangriffe auf Chemnitz während des Zweiten Weltkriegs

Die Luftkriegführung des Zweiten Weltkriegs richtete sich auf beiden Seiten von Anfang an auch gegen die in Städten lebende Zivilbevölkerung. Während einzelne deutsche Städte bereits im September 1939 Ziel alliierter Bombardierungen geworden waren, ging mit dem Vorrücken der Alliierten an den verschiedenen Fronten des Zweiten Weltkriegs ab 1943 auch eine massive Intensivierung der Bombenangriffe auf deutsche Städte einher, die sich auch gegen den Durchhaltewillen der Zivilbevölkerung richtete.

Eine der hierbei schwer betroffenen Städte war Chemnitz. Zwischen dem 06.02. und 11.04.1945 flogen Einheiten der Royal Air Force und der US Air Force insgesamt zehn Luftangriffe auf die sächsischen Industriestadt, die dort schwere Schäden verursachten. Die schwerste Bombardierung der Stadt erfolgte am 05.03.1945 und zerstörte das historische Zentrum fast vollständig. Allein in dieser Nacht starben dort den offiziellen Angaben zufolge 2.105 Menschen, 75 % der Stadtfläche seien zerstört worden. Die Alliierten erklärten Chemnitz am Folgetag zur „toten Stadt“.

 

 II.   März 1945: Die in einem dunklen Keller auf das Kriegsende wartende blinde alte Frau

Die deutsche Schauspielerin Marianne Dohm-Franke, geb. 1912 in Chemnitz, war im März 1945 mit vor Ort und beteiligte sich an den Aufräumarbeiten und an der Suche nach Überlebenden, ihre Erlebnisse hat sie in einem Tagebuch festgehalten. Darin berichtet sie über ihr Auffinden einer fast blinden alten Frau, die sich alleine in einen dunklen Keller geflüchtet hatte und dort ausharrte.

Sie schildert diese Begegnung wie folgt (Quelle: Dollinger „Kain, wo ist Dein Bruder? Was der Mensch im Zweiten Weltkrieg erleiden musste – dokumentiert in Tagebüchern und Briefen“ (1983), S. 338 f.):

 

„In Begleitung Georgs gehe ich am nächsten Morgen nochmals zum Schulgebäude, aber die Situation hat sich nicht verändert. Noch immer ist keine Hilfe eingetroffen, um die Verschütteten zu bergen. Georg will noch einmal um das Gebäude herumlaufen, während ich durch den linken Seiteneingang allein die Schule betrete. Vorsichtig steige ich die Stufen zu den unterirdischen Räumen hinunter. Totale Finsternis umfängt mich. Schritt für Schritt taste ich mich an der Mauer entlang, rufe zaghaft »Hallo«, rufe noch einmal… »Jaaah.« Ich erstarre. Mein Gott, da unten lebt noch jemand. Ich taste mich hastig zurück, laufe über den Schulhof und falle totenbleich Georg in die Arme. Gemeinsam gehen wir nochmal in den Kellerflur hinunter. Georg zündet ein Streichholz an und ruft laut: »Ist hier jemand?« – »Ja, hier«, kommt es wie ein Echo zurück.

Vom schwachen Licht des Streichholzes beleuchtet sehen wir eine alte Frau. Unbeweglich sitzt sie in der Flurnische auf einer schmalen Bank, die Hände gefaltet. »Was machen Sie denn hier unten?« frage ich sie beklommen. »Ich warte hier, bis der Krieg zu Ende ist«, antwortet sie mit einer Stimme so überirdisch sanft, als käme sie direkt aus dem Jenseits. »Aber Sie können doch nicht solange hier unten bleiben… haben Sie denn niemand, wo wir Sie hinbringen könnten, keine Kinder oder Verwandte?« – »Nein, ich habe niemand.« Schweigen. »Außerdem bin ich fast blind ohne meine Brille… Ich hab‘ sie vergessen… die Bomben kamen so schnell…« Nach einer Weile fährt diese Engelsstimme langsam und überlegend fort: »Ich könnte mir schon ein Taxi erlauben… ich habe noch drei Mark in der Tasche.« Mir bleibt eine Antwort im Halse stecken. Da fragte Georg: »Wissen Sie, ob hier unten noch jemand ist? Vielleicht Verletzte oder Tote?« – »Tote?« überlegt die alte Frau, »o nein, hier unten sind keine Toten.«

In dem flackernden Licht der Streichhölzer sehen wir uns an, schweigend. Auch ohne Worte fragen wir uns: was wollen, was können wir tun? Sind wir nicht hierhergekommen, um Verschüttete zu suchen, die unsere Hilfe ebenso nötig haben? Wir überlassen vorerst die arme, verstörte Frau weiterhin ihrem Schicksal…

Am dritten Tag nach dem Angriff… Zum letzten Mal betrete ich den dunklen Kellerflur. Die alte Frau sitzt immer noch auf der Bank und bedankt sich, halb abwesend schon, für das Brot, das ich ihr reiche. Man muss doch für die arme Frau was tun, sage ich eindringlich zu den Männern der Rettungsmannschaft. Die wehren mit einer ablehnenden Geste ab: »Ach, die da unten! Die soll nur bleiben, wo sie ist. Wenn wir sie nach oben holen, wird sie uns bloß verrückt, wenn sie die Trümmer ringsum sieht.« Jeder ist sich selbst der Nächste, und außerdem ist Krieg, wie viele gehen da sang- und klanglos zugrunde…“

 

Krieg lässt wenig Raum für Menschlichkeit und Mitgefühl, und vor allem die Schwächsten bleiben auf der Strecke.

 

 

(Titelfoto: Inschrift in der Eingangshalle
des deutschen Soldatenfriedhofs Lommel/Belgien,
Dezember 2025)

 

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