Gedanken zum Krieg: Der russische Soldat Semyon Gudzenko über den letzten deutschen Soldaten in Stalingrad, 1943 (Veröffentlicht am 07.01.2026)
Semyon Petrovich Gudzenko (geb. am 05.03.1922 in Kiew, gest. am 02.12.1953 in Moskau) war ein sowjetrussischer Poet ukrainisch-jüdischer Herkunft. Er studierte von 1939 bis 1941 am Institut für Geschichte, Philosophie und Literatur in Moskau und betätigte sich während des Krieges gegen Deutschland als Dichter. Er starb 1953 an seinen im Krieg erlittenen Verletzungen.
In einem seiner wenigen in deutscher Sprache überlieferten Gedichte prognostizierte Semyon Gudzenko in bemerkenswerter Weise den Ausgang des Zweiten Weltkriegs für Deutschland. Er schrieb (Quelle: Bähr, Die Stimme des Menschen – Briefe und Aufzeichnungen aus der ganzen Welt 1939 – 1945 (1961), S. 332):
„Stalingrad, Mai – November 1943
Ende Februar.
Blauer Himmel klafft statt der Vorhänge in den Löchern der Mauern.
An Kreuzungen weisen Pfeile den Deutschen
den Weg in die Gefangenschaft.
Das ist Geschichte.
Das ist Erinnerung.
Der Lärm der Schlacht
hat sich vom Wolgagebiet verzogen.
Die Frage des Schulbaus wird nächtelang in den Bezirksämtern erwogen.
Und die Kinder bringen eine heile Schulbank vorsichtig – als ob es Glas wär.
Doch aus dem Keller,
geblendet vom Licht,
Kroch ein Deutscher hervor, der Atem ging schwer.
Wie er zitterte, sich an die Mauer gedrückt hat!
In zerschlissenem Mantel,
auf wankenden Füßen –
der letzte deutsche Soldat in Stalingrad.
Einst ist es Berlin, wo er so hervorkriecht!“
Semyon Gudzenko sollte recht behalten.
Was er nicht vorhersah war, dass es sich bei den im Kampf um Berlin eingesetzten letzten deutschen Soldaten oftmals nur noch um Jugendliche und alte Männer ohne nennenswerte militärische Ausbildung handeln würde, die, von den damaligen politischen Machthabern in den sog. „Volkssturm“ befohlen, auf verlorenem Posten bis zuletzt Widerstand leisten sollten. Vielfach politisch verblendet und fanatisiert, kamen insbesondere viele der Jugendlichen dem bis zuletzt nach und bezahlten diesen Einsatz mit dem Leben.
(Titelfoto: Verschneite Bäume im Stadtwald Düsseldorf,
Januar 2026)
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