Gedanken zum Krieg: Feldpostprüfbericht über die letzten Briefe aus Stalingrad, Januar 1943 (Veröffentlicht am 06.11.2026)

 

I.   Die Zensur der deutschen Feldpost durch die Feldpostprüfstellen

Die deutsche Feldpost nahm am 03.09.1939 ihren Dienst auf. Insgesamt bewegten sich im Zweiten Weltkrieg zwischen Heimat und Front schätzungsweise mehr als 40 Milliarden Feldpostbriefe, wobei der zivile Anteil der Briefe mit 76 Prozent den militärischen weit übertraf. Die Feldpost unterlag der Zensur, durchgeführt durch sog. Feldpostprüfstellen („FPP“).

Die FPP prüften den Feldpostverkehr stichprobenartig auf „geheimzuhaltende“ oder „zersetzerische“ Inhalte. Das Prüfpersonal öffnete Briefe durch Scherenschnitt und verschloss sie anschließend mit Klebestreifen, die den Aufdruck „Geöffnet – Feldpostprüfstelle“ trugen. Die Freigabe von Feldpostkarten erfolgte mit einem Stempel der Aufschrift „Geprüft – Feldpostprüfstelle“. Der Empfänger der Feldpost konnte damit die Überprüfung des Inhalts sofort erkennen. Bereits der Umstand, dass es die Postzensur gab, sollte jeden Soldaten dazu anhalten, keine Nachrichten mit untersagten Inhalten zu versenden.

Die Überprüfung der Feldpost sollte zudem der militärischen Führung ein unverfälschtes Bild über die Stimmung der Truppe und der Heimat liefern, entsprechende Berichte über die Prüftätigkeit mussten zum 1. eines jeden Monats beim OKW eingereicht werden (vgl. zu alledem näher Buchbender/Sterz, Das andere Gesicht des Krieges – Deutsche Feldpostbriefe 1939 -1945 (2. Aufl., 1983), S. 13 ff.).

Diese Berichte liefern ihrerseits lesenswerte Stimmungsbilder zu den Entwicklungen an verschiedenen Kriegsschauplätzen.

 

II.   Feldpostprüfbericht aus dem Januar 1943 über die letzten Briefe aus Stalingrad

Ein solcher Prüfbericht existiert auch zu den letzten Briefen aus Stalingrad und gibt die diesbezügliche Stimmung vor allem unter den deutschen Soldaten in ungeschminkter Form wieder.

Der Bericht lautet wie folgt (Quelle: Buchbender/Sterz, Das andere Gesicht des Krieges – Deutsche Feldpostbriefe 1939 -1945 (2. Aufl., 1983), S. 16 ff. (= BArch RW 4/v. 264)):

 

3. Zwischenbericht der Feldpostprüfstelle beim Pz.-Armeeoberkommando 4
über 11237 Kesselpostsendungen Front – Heimat vom 30.12.42-16.1.43
in der Prüfzeit vom 12.-17.1. 43

Alle Schreckenskomponenten des russ. Winters, alle Not und Kriegsleiden körperl. und seel. Art durch Hunger, Kälte bei eisigem Sturm und dauernder fdl. Einwirkung werden noch weiterhin mit eisernem Heroismus ertragen, denn: „wir lassen den Mut nicht sinken, sondern vertrauen auf die Worte, die uns der Führer gefunkt hat“ (Hptm., Bf. v. 31.12.). Treue, Glaube und Vertrauen auf den Führer haben seitens der Eingekesselten eine Probe bestanden, die härter, aber auch ruhmreicher nicht gedacht werden kann: „wir alle haben die feste Hoffnung, dass der Führer uns nicht verlassen wird und sich bestimmt Rat weiß, wie er schon immer Rat gewusst hat“ (OGefr., Bf. v. 2. 1.), oder „wir stehen im festen Vertrauen auf den Führer, unerschütterlich bis zum Endsieg“ (Uffz. Bf. v. 1.1.).

Die Überzahl ist hoffnungsfreudig und erwartet nun baldige Sprengung des Ringes als eine Selbstverständlichkeit. „Deshalb wird eisern durchgehalten, das ist so sicher wie 2×2 = 4 ist“ (OGefr. FPNr. 25438 D, Bf. v. 16.1.). Pflichtbewusst und heldenmütig wird des Entsatzes geharrt und „halten noch immer, was uns anvertraut ist. Vier Wochen müssen wir noch unsere Stellung um jeden Preis halten (meine Vermutung), wenn uns dieses gelingt, wird unsere jetzt so schwierige Lage in einen gr. Sieg verwandelt werden. Wir werden halten!“ (Fw. FPNr. 21 221 am 1. 1.). Alle Entbehrungen und Leiden werden mit zäher Verbissenheit ertragen und weiter gehungert: „meine lieben Eltern, wenn es geht, schickt mir Lebensmittel. So ungern ich es schreibe, aber der Hunger ist groß“ (OGefr. FPNr. 00432, Bf. v. 29.12.). Zermürbt und entkräftet wird mit immer bangerer Erwartung dem Entsatz entgegen gesehen. Aber noch immer ist keine Aussicht auf Befreiung und bei vielen steigen Zweifel auf, ob diese Aussicht überhaupt noch besteht.

So zeigen die Briefe ab 1. Januarwoche ein wesentliches Absinken der Zuversicht. Es mehren sich Äußerungen des letzten Willens und Abschiedsbriefe. „Wenn Ihr mich und auch alle anderen Kameraden sehen würdet, Ihr könntet denken, der Tod steht vor Euch“ (Gefr. FPNr. 22951 D am 3.1.). Ein anderer Gefr. FPNr. 30103 schreibt schon am Sylvester: „von den 380 Mann, die so stolz ausrückten, sind noch etwa 100 Gestelle aus Haut und Knochen vorhanden. Wir Überlebenden können kaum noch laufen vor Hunger und Schwäche“. Daher schreibt ein Ass. Arzt, FPNr. 00701 A bereits am 30.12.: „Langsam beginnen unsere braven Krieger sehr bedenklich klapprig zu werden; es ist allerhöchste Zeit, dass Entsatz kommt –“ und berichtet weiter von einer Oberschenkel-Amputation mit der Schere ohne Narkose bei Taschenlampenbeleuchtung im engen Erdbunker und endet: „man stumpft für alles ab und denkt nur noch ans Essen“.

Eines der vielen Beispiele für den sich steigernden körperlichen Schwächezustand: „heute fiel ein Essenholer nach 50 Schritten vor Schwäche um, und als wir mit ihm im Bunker ankamen, war er schon gestorben“. „Wenn das so weiter geht“, schreibt ein Sold. FPNr. 17240 C am 13.1., „dann werden wir alle verhungern. Wir sind alle so weit, dass sie mit uns machen können, was sie wollen.“ Ein Unt. Arzt FPNr. 04096 schreibt bereits am 3.1. seiner Frau: „Russland ist mit einem eisernen kalten Sarg zu vergleichen, auf dem der Deckel noch nicht verlötet ist, weil man von Zeit zu Zeit Gelegenheit hat, ihn etwas zu lüften –“ und errechnet anhand der unzureichenden tägl. Verpflegungskalorien im Gegensatz zu den lebensnötigen Erhaltungskalorien die sich noch ergebenden Lebenstage. Er schließt: „kann man es den Jungens noch Übel nehmen, dass langsam alles in Sturheit einherwankt? Verzweiflung ist auch ein großer Feind der Truppe, doch Feind Nr. 1 ist und bleibt immer der Hunger! –“, „er tut so weh, dass wir die toten Russen nach Brot durchsuchen und oftmals bei ihnen auch Erbsenmehl finden, das wir in Wasser ohne Salz natürlich kochen – nun kannst Du Dir vorstellen, wie groß der Hunger ist“ (Gefr. FPNr. 24400 an Ehefrau am 5. 1.).

Allgemeiner Salzmangel! Einige haben einen Rundfunk und freuen sich, dadurch erheiternde Zerstreuung und Ablenkung zu finden. Noch am 16.1. schreibt ein Uffz. FPNr. 34020 seinen Eltern: „man will nicht dauernd darüber schreiben, aber sollte es einmal geschafft sein, dann soll auch die Außenwelt erfahren, was hier deutsche Soldaten alles auf sich genommen und ertragen haben. Dieser Heldenmut und dieses Ausharren sind beispiellos und werden durch einen gr. Sieg entlohnt werden“. Und es liegt eine tiefe Tragik darin, wenn einige sich in ihrer Freude kaum zu fassen wissen, weil sie vom Süden her den Geschützdonner der Ersatzarmeen Manstein und Kleist zu hören meinen – während es in Wirklichkeit die Kanonen der roten Henker Stalins sind.

So wird auch jedes umlaufende Gerücht auf Befreiung freudig weitergegeben und hoffnungsvoll geglaubt. Jede „Ju“ wird dankbar begrüßt und gleichzeitig berichtet, dass nun auch 4 mot. Condor- Maschinen mit Munition einfliegen. In den letzten Tagen werden die Einflüge jedoch immer geringer und seltener trotz angeblich guter Landemöglichkeit. – Ein OGefr. FPNr. 02375 schreibt seiner Frau am 5.1.: „Vor einiger Zeit ging die Parole, dass wir hier als besondere Anerkennung des Führers ein 5 kg Paket bekommen sollen. Und das scheint sich zu bewahrheiten, denn die ersten Pakete sind angekommen.“ „Sonst ist die Post das größte Schmerzenskind und diese Hoffnung haben wir nun schon ganz aufgegeben – müssen halt warten, bis die Kämpfe am Don beendet sind, – Geduld ist alles, was anderes lässt sich weder tun noch sagen.“ (OGefr. 37764 seiner Frau am 11.1.). Das Fehlen und Ausbleiben der Post nimmt einen breiten Raum der Briefe ein.

Die Briefe vom 16.1. sind sehr gedrückt und bei den meisten allmählich hoffnungslos, zumal die Sowjets mit großer Erbitterung und großem Aufwand an Art., Mun., sowie Bombern angreifen. Überdies ist bei eisigem Nordost die Temperatur auf -35° C gesunken. Infolge feindlicher Einbrüche mussten halbwegs ausgebaute Stellungen aufgegeben werden und die Truppe liegt frei auf offener Steppe, da die Kräfte zum Eingraben versagen. In zunehmendem Maße haben viele gerade i.d. letzten Tagen (13.-16. 1.) durch Einwirkung von Hunger und Kälte ihren beispiellosen Einsatz von Treue und Heldenmut mit dem Tode besiegelt. Ein Uffz. FPNr. 17428 schreibt seiner Frau am 6.1.: „ich muss Dir ganz ehrlich sagen, mir wäre das Liebste ein schnelles und rasches Ende, als ein langsames, sicheres Dahinsiechen, um einen anderen Ausdruck zu vermeiden. –“ Schon am 1. 1. schreibt ein OGefr. FPNr. 32579 C seiner Frau: „bei uns sieht es sehr traurig aus, und unsere Stimmung ist auf den Nullpunkt gesunken.“ Es gibt auch den einen oder anderen – aber nicht mehr –, der in der Verzweiflung seine Unzufriedenheit äußert, wie z.B. ein ostmärk. OGefr. FPN. 39820 seiner Mutter gegenüber am 11.1.: „Kein Mensch kann sich dieses Leben vorstellen. So etwas haben wir uns nicht verdient, und darum haben wir zum Reich müssen kommen. Ebenso schreibt ein Gefr. FPNr. 06897 seiner Frau am 1.1.: „unsere Lage wird immer schwieriger. Wir sind einfach fertig. Wenn nicht bald etwas geschieht, gehen wir alle drauf. Wir verlieren bereits den Mut. Denn man hatte uns Hilfe von außen versprochen, aber das Schicksal will es anders. –“ –

Krankheiten steigen zusehends. Kranke und Verwundete müssen, sofern sie nach kurzer Behandlung einigermaßen dienstfähig sind, wieder zu ihren Einheiten zurück. Dauernde Klage über Ungezieferplage: Läuse, Flöhe und vor allem auch Mäuse. Auch Spritmangel beginnt sich auszuwirken, da viele Einheiten aus diesem Grunde am 16. keine Verpflegung mehr abholen konnten. Es wurde gleichzeitig berichtet, dass von den vielen abgeworfenen Verpflegungsbomben nur wenige gefunden wurden. Daher sinken Mut und Hoffnung weiter ab und viele – viell. auch die meisten – schließen mit ihrem Leben endgültig ab: „wir alle müssen stündlich mit unserem Ende rechnen.“

Aber gerade im Höhepunkt der Gefahr scheint jeder der Aufgabe und Verantwortung sich bewusst zu sein und schreibt ein Oblt. FPNr. 28 320 an einen Lt. Dr. X in Berlin am 16.1.: „die Infanterie ist natürlich wieder mal am schlechtesten dran, da es keine ausgebauten Stellungen gab, aber sie ist mustergültig wie immer“. In ergreifenden Worten jedoch wird die ruhmvolle deutsche Soldatentreue von einem Major FPNr. 17275 A an seine Frau am 16. 1. bezeugt: „der unerbittliche Kampf geht weiter, der Herrgott hilft dem Tapferen! Wie es die Vorsehung auch bestimmen mag, wir bitten nur um eines, um Kraft zum Durchhalten! Man soll einmal von uns sagen, die deutsche Armee hat bei Stalingrad gekämpft wie noch niemals zuvor Soldaten in der Welt kämpften. Diesen Geist unseren Kindern weiterzugeben, ist Sache der Mütter. –“

Die Post Heimat – Front umfasst die Zeit vom 26.11. 42 bis 3.1. 43. Sie ist teils zuversichtlich, hoffnungsfroh und pflichtbewusst gegenüber allen Anforderungen des 4. Kriegsjahres bei zweifelloser Erkenntnis des allg. Zeiternstes; teils aber sehr gedrückt, stellenweise sogar ganz verzweifelt, ohne dabei in Böswilligkeit zu verfallen. – So schreibt jemand aus Halle a.S. an einen Lt.: „wenn man überzeugter Anhänger des Führers ist, dann wird jede Pflicht eine Selbstverständlichkeit“. Ein Brief aus Siegmar-Schönau (Sa.) v. 26.11.: „wir alle tun unsere Pflicht, ich selbst muss heute Arbeiten verrichten, die mir nicht zukommen, aber eben gemacht werden müssen“ oder aus Karlsruhe vom 16.12.: „Die Heimat will stark und Eurer würdig sein.“ –

Stalingrad und Kaukasus tragen aber bereits seit Jahreswende zur erhöhten Sorge der Heimat bei, weil der Ernst der Lage allenthalben durchgesickert ist: „von Dir, das weiß ich genau, würde ich auch niemals die Wahrheit erfahren und stünde es noch so schlecht um Dich. Aber man hat doch Ohren und mir geht die Gänsehaut, wenn ich den Leuten zuhöre, wenn sie vom Kriege erzählen, gerade von Stalingrad“. Aus Bautzen/Sa. v. 31. 12.: „Sorgen hat man, wenn man so hört, wie viele bei Stalingrad eingeschlossen sind. Es sickert so langsam alles durch. Und habe seit letzter Zeit so schmerzliche Bedenken, weil ich seit 13. Nov. keine Nachrichten mehr von Dir habe.“ Aus Bernburg vom 26. 11. an Zahlmeister: „gestern und heute erzählt man, dass bei Euch Durchbrüche stattfinden?!“ Aus Wien v. 11. 12.: „es ist zum Verzweifeln, ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, was geschehen kann, meine Nerven sind zum Zerreißen. Zur wahnsinnigen Verzweiflung trägt auch das Schweigen i. d. Radioberichten über gewisse Kampfgebiete bei“. Aus Bremen v. 29.12.: „Gerade jetzt sind wir 4 Wochen ohne Post von Dir. Wir alle zusammen sind ganz unglücklich und sprechen den ganzen Tag von Dir – wäre dieser entsetzliche Krieg nur endlich aus.“ Von München am 3.1.: „Mir ist sehr bang um Dich, denn von der Kaukasusfront hört man gar nichts Gutes, vor allem aber von Stalingrad. Der Feind soll wieder bis Rostow durchgestoßen sein.“ Ebenso aus München v. 3.1.: „Will denn dieses Blutvergießen gar kein Ende nehmen? Es ist zum Verzweifeln! Kann man überhaupt noch Hoffnung haben? Bei Euch in Stalingrad nimmt es kein Ende, und in der Heimat belegt man die Städte mit schwersten Bomben.“ Aus Brandenburg v. 3.1.: „hier ist überall schlechte Stimmung, und alle sind freudlos. Wäre nur mal das Elend herum, was wären wir für glückliche Menschen.“

Es sei noch bemerkt, dass in Anbetracht der Lage in Stalingrad und des Umstandes, dass viele der Briefe die letzten und manche ausgesprochene Abschiedsbriefe sind, die Kontrolle des FPP./Pz.AOK. 4 sehr großzügig gehandhabt wird. Stellen zersetzender oder die Heimat stark beunruhigenden Inhalts werden daher lediglich mit Tinte, Blei und Tintenstift oder Gummi (je nach Schreibart) unleserlich gemacht und zwar derart unauffällig, dass die Streichung vom Briefschreiber selbst herrühren könnte. Von der gewohnten Truppenbetreuung durch die FPP. musste beim Kessel leider abgesehen werden und zwar einmal wegen zu später Zeitfolge der Nachrichten-Übermittlung, wie auch deshalb, weil die Vielseitigkeit der Entbehrungen höheren Orts in jeder Hinsicht genügend bekannt sind. –

 

Graf Zettwitz
[im Original handschriftlich)
Rittmeister und Leiter der
Dienststelle d.F.P. 36819
F.P.P.

 

 

(Titelfoto: Stalingrad-Gedenkstein auf dem Zentralfriedhof Limburg,
November 2026)

 

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