Feldpostbriefe: „Wer ist noch bei uns?“ – Brief eines unbekannten deutschen Soldaten aus Stalingrad, Dezember 1942 (Veröffentlicht am 18.10.2026)

 

I.   Die Schlacht von Stalingrad

Die Bedeutung der Schlacht von Stalingrad als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs und nationales Symbol – Menetekel für die Deutschen, Verheißung für die Russen – wurde hier wiederholt thematisiert, vgl. z. B. die Rede des ehemaligen deutschen Soldaten Johannes Uhr zur Bedeutung des Gedenkens an die Opfer von Stalingrad im September 1988.

 

II.   Das Gedenken an die Opfer der Schlacht von von Stalingrad

Von zentraler Bedeutung sowohl für das deutsche als auch das russische Gedenken an die Opfer der Schlacht von Stalingrad ist heute der Ort Rossoschka in der russischen Region Wolgograd. Dort befindet sich sowohl eine Ruhe- und Erinnerungsstätte für die – dort und im Gebiet von Wolgograd bis Rostow am Don sowie zwischen Wolga und Don – gefallenen und die vermissten deutschen Soldaten als auch ein russischer Soldatenfriedhof, beide Anlagen sind nur durch eine schmale Landstraße getrennt. Nach Angaben des Volksbundes deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. („Volksbund“) wurde der deutsche Friedhof im Jahr 1999 eingeweiht, im September 2006 folgten Granitblöcke mit den Namen von fast 120.000 Vermissten und Toten. Die Gesamtbelegung gibt der Volksbund aktuell mit 71.427 Toten an.

Unter dem Titel „Namen für Rossoschka – Schicksale aus Stalingrad“ gab der Volksbund im Jahr 2007 ein sehr lesenswertes Buch heraus, das deutsche Zeitzeugen zu Wort kommen lässt, für die – so die Herausgeber im Vorwort – Stalingrad zum Schicksal wurde und das beispielhaft für das Leid des Krieges und die Trauer der Hinterbliebene stehen solle.

 

III.   Der Brief eines unbekannten deutschen Soldaten über den Krieg gegen Russland

In diesem Buch findet sich der folgende Brief eines unbekannten deutschen Soldaten vom Jahreswechsel 1942/43, der die damaligen Kämpfe in eindrücklichen Worten wie folgt beschreibt (vgl. Volksbund, Namen für Rossoschka, 2. Aufl. (2007), S. 128 ff.):

 

„Russland, den 31. Dezember 1942

Liebes Gretel!

Wieder geht ein Jahr zu Ende und die Gedanken gehen in die Ferne, in die Heimat. Es heißt Einkehr halten und rückschauen auf den Weg, den man gegangen ist und verweilen. Warum ein Jahr verurteilen, weil es einem Tage und Monate Qualen verursachte und die Nerven nicht zur Ruhe kommen ließ? Ich tröste mich selbst damit, dass es noch schlimmer sein könnte. Ich denke an die vielen Kameraden, die ein Stück mit uns gegangen sind, die uns verließen, indem sie ihr Letztes gaben. Sie sind alle mit dem gleichen starken Herzen in das neue Jahr 1942 gegangen – und trotzdem: vorbei. Wer ist noch bei uns, von den Alten aus Frankreich? Frage nicht, wie viel Hände ich dazu brauche.

Ich lasse das Jahr an mir vorüberziehen, ganz langsam und siehe da: Es hat auch Lichtblicke gehabt. Es fing mit Urlaub an. Ich war bei Dir und den Kindern. Es kamen die Tage der Genesung in Bautzen. Sie boten mit dem leichten Dienst und Kinobesuchen noch Abwechslung genug. Dann ging’s zum Marschbataillon und der komische Beigeschmack war wieder da. Elf Tage Bahnfahrt folgten und bevor es zur alten Kompanie ging, musste uns irgendein General eine Rede halten, welche ungefähr so ging: »Liebe alte Kameraden! Euch möchte ich sagen, dass der Russe nicht mehr der Kämpfer von Kaneff ist. Die Ausbildung ist mangelhaft, von der Bewaffnung gar nicht zu reden. Die erste Welle ist wohl noch im Besitz von Waffen, aber schon die zweite kommt mit Sensen und die dritte Welle muss sich die Waffen der Gefallenen suchen.« Heute könnten wir reden und zum mindesten feststellen, dass wir weder Sensen noch Waffen suchende Russen gesehen haben. Gewöhnlich hatte jeder davon hinreichend mit.

Ich denke an das Bunkerleben im Frühjahr, an das Postenstehen in unbarmherziger Kälte und Sturm. Ich denke besonders an einen Tag. Wir kamen nach acht Tagen Einsatz zurück ins Dorf. Es lag viel Schnee, aber die Sonneneinstrahlung hatte schon allerhand weggetaut und unter dem Schnee hatten sich tiefe Wassertümpel gebildet. Im Dunkeln geht’s zurück. Man sinkt ein und hat die ganzen Stiefel voll Schneewasser. Wir haben geschimpft, aber was stört uns das. Wir haben ja drei Tage Ruhe. In der Nacht friert es wieder. Nach einigen Stunden folgt Alarm: Die Russen haben einen Stützpunkt von uns ausgehoben. Es gibt Tote und Verwundete. Wo bleibt unsere Ruhe? Rein in die nassen Stiefel und raus. Wieder geht es vor. Wo Pfützen waren, ist jetzt Eis. Es kracht unter den Füßen. Die Russen haben sich wieder zurückgezogen, nachdem sie alles was sie brauchten mitgenommen hatten. Ohne Ablösung haben wir bis zum Morgengrauen Posten gestanden oder gelegen. Die Socken waren in den Stiefeln gefroren und die Beine fast ohne Gefühl.

Ich denke weiter an eine Nacht, in der unser kleines Dorf zum Tummelplatz der Flieger wurde. Es mögen 70 Bomben gewesen sein, manche wollen 100 gezählt haben, große Brocken. Wir haben in unseren Lehmhütten gesessen und den Daumen gehalten. Bis zum Bunker hatten wir es noch nicht gebracht. Wir haben dann diese und jene Truppe abgelöst, nur uns selbst hat man vergessen. Dann kam der Vormarsch. Es fing sehr schwer an. Wir sind gelaufen und gelaufen. Die Verluste? Was nützen Zahlen. Wir können schweigen.

Als wir in Woroschilowgrad waren, glaubten wir, für uns hätte es sich erledigt. Weit gefehlt. Es ging weiter und weiter. Über den Donez und über den Don und dann an den Sal und da denke ich an den 1. August 1942. Es war bei Martynowka. Ein Spähtrupp war unterwegs und kommt und kommt nicht wieder. Endlich, der Rest kommt. Dann der Bericht. Unübersichtliches Gelände, hohes Gestrüpp ringsum, vom Russen nichts zu sehen. Mit einem Male Feuer von allen Seiten. Wer kann, zieht sich zurück. Einige fehlen. Man muss etwas für sie tun, man kann doch nicht … Der Sanitäter kriecht nochmals nach vorn. Die Anderen warten stundenlang. Niemand kommt mehr. Am anderen Tage haben wir gesucht, nachdem die Gegend bereinigt war. Wir haben sie gefunden, tot und ausgeraubt und ausgezogen, soweit als möglich. Die Zeit war überhaupt sehr unübersichtlich. Man wusste nie, sind die Russen vor uns, links oder rechts neben uns oder haben wir auch noch mit Russen im Rücken zu rechnen. An einem solchen Tage wäre beinahe der ganze Tross von zwei unserer Kompanien kassiert worden.

Und weiter geht’s. Ich denke an den Marsch durch die Steppe, bei glühender Hitze, Tag für Tag in Staubwolken gehüllt und kein Wasser. Wenn schon, dann salzig. Hast Du schon einmal Kaffee getrunken, der salzig schmeckt? Das Trinken vergeht Dir auch bei großem Durst. Ich denke an den 20. August, an dem es heiß herging, und an einen der letzten Augusttage, an dem eine Stalinorgel den Tross beharkte, und dann kommt Stalingrad. Was soll man darüber schreiben und reden. Darüber soll man schweigen, schon aus Dankbarkeit vor so viel Opferbereitschaft, Mut, Wille, Entsagung und Hoffnung. Daran soll man nur denken, vor allem in der Heimat. Es kotzt uns an, was wir in der Zeitung darüber lesen. Wir wollen keine Bilder sehen, auf welchen Kameraden ihr Frühstück verzehren und wo dann darunter steht: in einer Kampfpause oder in Bereitstellung. Du kennst ja diese Sachen. Es muss schließlich alles Sinn haben. Vielleicht wird man über Stalingrad noch einmal sehr gern schweigen.

Letzter Tag im Jahr: Was würde man zu Hause tun? Vielleicht wäre man im Kino oder im Theater gewesen. Rundfunkmusik spielt. Der traditionelle Heringssalat steht auf dem Tisch, Würstchen sind dabei und vielleicht auch noch etwas Sülze. Bowle oder Grog wird aufgetafelt. Das Eis steht bereit und dann wartet man und horcht auf das Geläut der vielen Glocken. Steht einem die Müdigkeit von oben herab bis an die Knie, dann geht es ins Körbchen.

Dasselbe bei uns. Wir wohnen auch zu Hunderten in einem Dorf. Der Name tut nichts zur Sache. Gegend ist Dir bekannt. In Friedenszeiten mochte das Dorf vier Häuser gehabt haben. Drei sind zurzeit unbrauchbar und im vierten wohnen Russen. Wir haben kein Kino und auch keinen Rundfunk. Wir haben am Tage gearbeitet, denn wir müssen fertig werden. Alkoholisches ist auch nicht mehr vorhanden und an festlicher Beleuchtung fehlt es schon lange. Jeder schreibt und ich glaube, die heutigen Briefe unterscheiden sich sehr von den alltäglichen. Froh werden sie wohl kaum werden. Im Wechsel geht einer nach dem anderen auf Posten. Unsere Glocken klingen etwas anders als die der Heimat. Für uns ist das Gebrumm der Ju 52 und Heinkel 111 Glockengeläut, die Tag und Nacht hin und her fliegen. Unsere Festbeleuchtung sind die vielen Leuchtkugeln, die, drehe man sich wie man wolle, aufleuchten. Überall ist Front, überall. Wenn das Jahr zu Ende ist bin ich auch mit meinem Dienst fertig und dann denke ich noch etwas an Dich, ein Viertel- oder ein halbes Stündchen.

Das neue Jahr: Ich verspreche mir nicht viel und will alles, was über meine Erwartungen hinausgeht, als Geschenk annehmen. Dir wünsche ich jedenfalls nochmals Gesundheit, halte den Kopf hoch und beiß Dich durch. Und wenn das Jahr erträglich gewesen ist, dann bekommst Du am Ende wieder so einen Brief von mir. Ist es vorzüglich gewesen, dann bin ich daheim und wir feiern mit wenig Aufwand ein großes Fest.

Also Glück auf, einen Gruß, einen Kuss und eine Luftpostmarke von Deinem Hubertus.“

 

IV.   Der Wert der Erinnerung

Der damalige Präsident des Volksbundes, Reinhard Führer, hat die Bedeutung der Schlacht von Stalingrad im Vorwort von „Namen für Rossoschka“ wie folgt beschrieben (a.a.O.,. S. 8, 10):

 

„Die Schlacht um Stalingrad, das heutige Wolgograd, zählt zu den schrecklichsten und traurigsten Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Unsägliches mussten die Menschen erleiden, Unzählige verloren ihr Leben. Tiefer Schmerz erfüllte die Angehörigen der Opfert beider Seiten. Stalingrad ist zu einem Symbol geworden, das uns daran erinnert, wie wertvoll der Frieden ist. (…) Die Kriegsgräberstätte Rossoschka mit dem deutschen und dem russischen Friedhof und der Gedenkstätte für die Vermissten zeigt, dass Trauer unteilbar ist. Sie muss die Menschen nicht entzweien, sie kann sie miteinander verbinden – denn sie ist zutiefst menschlich. Unteilbar ist auch der Frieden. Es gibt keinen Frieden, von dem nur eine Seite etwas hat. Frieden verbindet. Deshalb gilt all unser Tun der Förderung der Verständigung und Versöhnung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern. Es gilt der Bewahrung des Gedenkens an die Toten. Und es gilt dem Frieden.“

 

Sich diese Worte in Erinnerung zu rufen und entsprechende Taten folgen zu lassen, mag man – nicht zuletzt u. a. angesichts der gemeinsamen Durchführung eines sog. „Tanztheaters“ über Kriegsgräbern – nicht nur den politischen Protagonisten wünschen, sondern nicht zuletzt auch dem Volksbund selbst.

 

 

(Titelfoto: Eingang zum
deutschen Soldatenfriedhof Lommel/Belgien, Dezember 2025)

 

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