Feldpostbriefe: Briefe des deutschen Soldaten Günter von Scheven von der Ostfront 1941/42 (Veröffentlicht am 12.06.2026)
I. Bildhauer
Günter von Scheven, geb. am 17.04.1908 in Krefeld, war ein bedeutender deutscher Bildhauer. Er schuf zumeist figürliche stark von der griechischen Klassik inspirierte Plastiken und Skulpturen, insbesondere Sportmotive. Er wurde 1940 eingezogen und nahm als Angehöriger des 466. Infanterieregiments mit der 257. Infanteriedivision am Zweiten Weltkrieg teil.
II. Mit der 257. Infanteriedivision in Russland
Mit dieser wurde er ab dem 22.06.1941 und bis März 1942 bei dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion eingesetzt und stieß mit der Heeresgruppe Süd in Richtung Lemberg vor. Von 12.07. bis 08.08.1941 kämpfte die Division in der Kesselschlacht bei Uman, in der die Wehrmacht gemeinsam mit ungarischen und rumänischen Einheiten 20 Divisionen der Roten Armee vernichtete. Ab November 1941 lag sie am Donez nördlich von Slowjansk und verteidigte dieses vom 18.01. bis zum 07.04.1942 erfolgreich gegen die sowjetische Winteroffensive.
Nach einem Einsatz an der französischen Küste ab August 1942 und der Rückkehr an die Ostfront im April 1943 wurde die 257. Infanteriedivision letztlich am 23.08.1944 im Zuge der Operation Jassy-Kischinew eingekesselt und bis zum 29.08.1944 zerschlagen.
III. Feldpostbriefe
In zahlreichen Feldpostbriefen berichtete Günter von Scheven zwischen Juli 1941 und März 1942 von diesen Einsätzen nach Hause. Seine Briefe gehen über reine Erlebnisberichte weit hinaus. Neben der Schilderung der Auswirkungen des Krieges auf seine Gefühlswelt philosophiert er über die Bedeutung des Krieges als Mittel zur Transformation der Welt und vermittelt so ein individuelles wie zeitloses Bild zum Thema des Menschen im Krieg (Quelle: Bähr, Die Stimme des Menschen – Briefe und Aufzeichnungen aus der ganzen Welt 1939 – 1945, S. 153 ff.).
Er schrieb am 25.06.1941 aus Russland (a.a.O., S. 153):
„Der Krieg wälzt sich ostwärts, seinen grausamen Weg wie ein in die Wirklichkeit getretenes Jüngstes Gericht. Gestern haben wir Tultschin genommen, 450 Kilometer östlich der alten Grenze, im Verein mit ungarischen Panzern und rumänischen Truppen.
Wir legten immense Strecken zurück. Der Kampf mit der Natur, mit den Bergen, den Flüssen, den schlechten Straßen, dem Staub und der Gluthitze ist ebenso groß wie der mit den russischen Einheiten, die sich im günstigen Gelände hartnäckig zur Wehr setzen. So geht es im Leichengeruch der Vormarschstraßen weiter. Wer kennt noch Schlaf und Ruhe; ich bin im Artilleriefeuer eingeschlafen, nachdem wir 48 Stunden unterwegs waren, von Regen und nächtlicher Kälte übermannt.“
Am 03.08.1941 berichtete er (a.a.O., S. 153/154):
„Ich kann Dir nur versichern, dass alle Erlebnisse, so ungewohnt sie auch sind, mich festigen und bestätigen in meinem Wollen, das über allem Chaos menschlichen Zielen dient. Man muss durch die Nacht schreiten, damit man das Licht neu und göttlich empfindet. Den wenigen, die nicht der Materie verkettet sind, ist dieser Kampf eine Läuterung. Nirgends erlebt man den Menschen tiefer, grausamer, hässlicher, göttlicher als unter den Hammerschlägen des Schicksals.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in Zuständen der Übermüdung die geistige Vorstellungskraft Wunder wirkt. Bestimmte Bilder werden lebendig, so das Jüngste Gericht von Michelangelo und dessen leidbewegtes Antlitz selbst, auch Dantes welterfüllte Züge tauchen vor dem inneren Auge auf. Ich sehe den Krieg als das Selbstgericht der Menschheit, ein Gericht, das dazu dienen kann, die Seelen wachzurütteln, bis aus der Finsternis der neue Aufschwung möglich wird.“
In einem Brief vom 05.08.1941 teilte Günter von Scheven mit (a.a.O., S. 154):
„Gestern hat unser Bataillon einen Durchbruchversuch abgewehrt, 2000 Gefangene und andere Beute eingebracht. Wir liegen in einem Getreidefeld, haben die Garben zusammengestellt, zum Schutz gegen die erbarmungslose Sonne. Vielleicht kommt auch Post; das ist immer ein erhebender Moment, Belohnung für viele Mühen. Dieses Russland – als Land und Charakter – hat mich bisher nicht wesentlich berühren können. Nur die Weite überzeugt, die aber jeden persönlichen Charakter auflöst. Man kommt zwischen Tag und Nacht, zwischen Schweiß und Hunger nicht dazu, solche Eindrücke zu vertiefen. Sie sind Kulissen, vor denen sich die Fanale des Krieges abspielen. Der Empfindungen sind tausendfache, während die Eindrücke unübersehbar auf mich eindringen. Deiner Überzeugung muss ich zustimmen, dass allein eine vollkommene Niederwerfung des Bolschewismus die Opfer lohnt. Mir scheint auch, dass der Krieg mit der Sowjetunion der Krieg geworden ist, in den alle anderen einmünden oder von dem neue einen Anfang nehmen werden.“
Am 16.08.1941 schrieb er (a.a.O., S. 154):
„Ich habe in Stunden der Besinnung namenlose Sehnsucht nach Euch, nach dem Rhein, nach kleinen und großen Dingen, die uns verwandt sind. Solange mir der Sternenhimmel vertraut bleibt, ich mich dort oben zurechtfinde, kann mir nichts passieren. Eine Belohnung sind diese Nächte, die wir immer im Freien verbringen, wo über der weiten Ebene die ewigen Gestirne erhaben über unserem blutigen Streit aufglänzen. Der Anblick des Ewigen stärkt mehr als körperliche Nahrung. Tassos Wort, das Du mir schriebst, ist für mich Wahrheit. Die eigene Sphäre kann nicht zerstört werden.“
Am 02.09.1941 berichtete er (a.a.O., S. 155):
„Mehr als 2.000 Kilometer haben wir zurückgelegt. Die letzte Strecke zu Fuß: von den Schlachtfeldern südlich Uman bis in den Dnjepr-Bogen, in Eilmärschen, nur bei Nacht, auf unmöglichen Straßen, wo alles steckenblieb. Ungeheuerlich ist das Erlebnis des Todes, er ist wie eine neue Taufe. In dem überschnellen Gang der Ereignisse schenkt er uns Augenblicke klaren geistigen Überblickes. Es gibt auch schöne Erlebnisse in dieser unberührten großartigen Landschaft, in der die breiten Fluten des Dnjepr sich nach eigenem Gesetz den Weg bahnen, wild und ungezügelt. Das primitive Dasein vermittelt eine neue Vereinigung mit der Natur, man ist dem Wind, der Sonne und allen Wettern ständig ausgesetzt. Lass Dich nicht erschrecken von dem, was ich sagte; für den, der es erlebte, ist es einfach.“
Am 29.10.1941 teilte er mit (a.a.O., S. 155):
„Wir können nicht weiter, wie Blei beschweren Lehm und Schlamm die Füße, die Fahrzeuge versinken bis zu den Achsen, schließlich versagt auch einmal bei Mensch und Tier die Kraft. Ohne Aufhören rinnt der Regen. Die Brücken gesprengt, die Gehöfte abgebrannt, das Vieh vertrieben, Kleidung und Schuhe verschlissen, die Kompanie nach schweren Gefechten zusammengeschmolzen auf weniger als ein Drittel. Nach dem letzten Sturm auf einen wildumkämpften Bahndamm blieb von meiner Gruppe ein einziger Junge übrig. Blutend und sterbend liegen viele Kameraden auf dieser unsagbar traurigen Erde. Seit dem 6. Oktober, dem Beginn der Offensive, reiht sich Gefecht an Gefecht, verbunden mit Märschen Tag und Nacht, Angriffen von Panzern und Tieffliegern und allen höllischen Mitteln der Vernichtung. Von Konstantinograd ausgehend, überschritten wir den Orel und stehen jetzt, nach dem Fall von Charkow, westlich Isjum.“
Am 06.11.1941 schrieb Günter von Scheven Folgendes nach Hause (a.a.O., S. 155/156):
„Noch 50 Kilometerweiter marschieren wir ins Donez-Becken, um dort Winterquartiere zu beziehen, vorerst das Ziel unserer langen, kriegerischen Wanderung durch tausend Ebenen und über unzählige Flüsse. In unserem Abschnitt stagniert die Front. Die allgemeine Stoßrichtung geht südostwärts nach Rostow und ans Asowsche Meer. Als Feldwebel habe ich jetzt eine Stellung, in der ich mehr persönliche Freiheit besitze, teuer erkauft durch die letzten Kämpfe. Ich habe viele Freunde und mehr Verantwortung.
Von den Freuden dieser Welt erwarte ich nicht viel. Ich habe einen Abstand genommen, der sehr groß ist, von dem, was sonst die Menschen erfüllt. Noch ist es nicht Zeit, davon zu sprechen. Grauen und Tod sind noch zu nahe. Ich muss erst einmal aus der düsteren Atmosphäre herauskommen. Liebe Mutter, ich bin glücklich, Dir schreiben zu können, wenn auch die Müdigkeit auf den Märschen und der Gedanke an das Schicksal unseres Volkes trübe stimmt. Aber glaube mir, ich bin allem Göttlichen näher als sonst. Das Mysterium des Lichtes ist größer als das der Dunkelheit.“
In Briefen vom 08. und 15.11.1941 gab er Einblick in seine Gefühlswelt (a.a.O., S. 156/157):
„Mir scheint, wir sind nicht mehr auf der Erde; baumlose Landschaft, ohne Ackerkultur, öde Wiesenflächen in einer Monotonie ohne Ende. Darüber grauer Nebel, der das Licht abschnürt, so dass den ganzen Tag Dämmerung herrscht, eine Stimmung, nur durchleuchtet vom Impuls des eigenen Lebens und den Gedanken, die die Brust durchziehen. Ganz auf sich selbst, auf den eigenen Reichtum, ist man angewiesen. Das Ganze macht mir Sorgen, der Verlauf des immer maßloser werdenden Krieges, das Verhältnis unserer Kraft zum Ergebnis dieser ungeheuren Anstrengungen. Uns, die wir von der Außenwelt abgeschnitten sind, entgeht der Überblick. Dunkel hinter den Wolken steht der Feuerschein des Weltenbrandes.
Die Kälte ist mit Macht eingebrochen. Der erstarrte Schlamm sieht aus wie Lava, die sich mitten durch das Dorf wälzt. Aus Norden und Osten brausen die Winde mit Urgewalt über die weiten Ebenen. Jetzt bewähren sich die Lehmhütten, in denen wir wohnen. Unsere Wirtsleute sind keine Kommunisten, das sagt das Heiligenbild in der Nische. Sie kochen uns russische Suppe, rösten Brot und schleppen Holz. Eine ausgesprochene Feindschaft wie am Dnjepr besteht hier nicht. Es ist Zeit, alles Erlebte zu überdenken, und ungewohnt ist die Stille bei der Lampe am Tisch in der Nacht, kein Befehl, kein Schuss, kein Feind, der Wind allein stößt an den Fensterläden und unterbricht dennoch nicht die Stille, die ich innen tief beglückend empfinde. Man ist dankbar für das Stück Leben, das man aus der Hölle des Todes gerettet hat. Die kleinste Schönheit ist eine Offenbarung, ein Sonnenstrahl, die Eisblumen am Fenster.“
Am 2. Advent 1941 schrieb er nach Hause (a.a.O., S. 157):
„Man braucht nicht im Granathagel zu stehen, um die Wende unserer Zeit zu erleben. Die erdbebenartigen Erschütterungen pflanzen sich ungesehen fort und sind spürbar für den, der ein Organ für weltgeschichtliche Vorgänge hat. Aus diesem Grund ist Eure Haltung in der Heimat von derselben entscheidenden Tragweite wie die unsere an der Front. Es geht uns um die Überwindung des chaotischen Überganges und um die Erhaltung der menschlichen Würde, die geläutert ist durch Schmerz und Entsagung. Deshalb ist uns Eure von den Kriegswirren nicht vernichtete Existenz so wichtig, weil wir in ihr die notwendigen Fundamente für die innere Verfassung sehen, die die Zukunft mitbestimmen wird. Wir kämpfen nicht für politische Streitigkeiten, sondern in dem Glauben, dass das Edle und Beste sich neu bewähren muss in dem Ringen mit der grauenhaften Erscheinung des Materialismus. Ich sehe die ganze Nation in einem Umschmelzungsprozess, in einem Strom von Leid und Blut, der sie befähigen wird, neue Höhen zu gewinnen.“
Vom Donez schrieb Günter von Scheven am 07.12.1941 wie folgt (a.a.O., S. 157/158):
„Wie vor drei Monaten der Dnjepr, so hält uns jetzt der Donez auf. Flüsse spielen ja seit alters her entscheidende Rollen im kriegerischen Geschehen. Hier sind sie vorläufig Grenzen; auf beiden Seiten ordnen und sammeln sich die Kräfte. Wie oft habe ich das schon erlebt, zuerst am San. Es ist dem ordnenden Geiste kaum möglich, die Überstürztheit der Erlebnisse zu entwirren. Man lebt in Gegensätzen und vereinigt sie doch, ohne es selbst zu begreifen. Vorher glühte der Boden unter den Füßen in der Schwüle des Sommers; jetzt flimmern kleine Eiskristalle im Mondlicht der Winternacht. Schnee, endlos, als wäre er immer dagewesen. Und wer kennt den wahren Feind! Ist es allein der Bolschewismus? Ist er nicht Ausdruck einer Krankheit, die uns alle angeht? Was bereitet sich vor in den Umstürzen, die den Sieger ebenso verwandeln wie den Besiegten? Heute erkennt es noch keiner.“
In einem Brief vom 09.12.1941 berichtete er auch über Partisanen-Angriffe während des strengen russischen Winters (a.a.O., S. 158):
„In diesen unruhigen Tagen, wo russische Partisanen unsere Dörfer und Stützpunkte in Brand zu stecken suchen, ist viel Verantwortung zu tragen. Hinzutreten die Unbilden des Winters in einer uneuropäischen Form mit Schneestürmen und langen gefahrvollen Nächten, in denen Kugeln pfeifen und die Artillerie auf beiden Seiten den Kampf aufnimmt. Unsere kleine Schar hat sich so vorteilhaft wie möglich zur Verteidigung eingerichtet. Der Winter hat uns Halt geboten, und das trifft sich gut mit unserer Erschöpfung, denn viel weiter wären wir nach den Kämpfen des Oktobers, die das Letzte forderten, nicht gekommen. Der Dezember ist ein grausig finsterer Monat. Bei einem einzigen trüben Licht wartet man die Nächte durch im engen Raum einer Hütte auf Nachrichten der Züge. Irgendwo ist immer etwas los. Stundenlang liegt man in Alarmbereitschaft. Brände röten den Himmel.“
Zum Jahreswechsel am 31.12.1941 teilte er mit (a.a.O., S. 158):
„Schaudernd stehen wir an der Schwelle neuer, schicksalsschwerer Ereignisse. Ich habe Deine ganze Liebe und die Treue der Heimat gespürt, die ein Lohn sind für alle Mühsal. Gern ist man bereit, für diese Heimat alles zu wagen.“
Am 14.02.1942 meldete er sich aus Slowjansk (a.a.O., S. 158/159):
„Es ist nicht möglich, den Gespensterwochen des Abwehrkampfes Ausdruck zu geben. Die Verteidigung ist blutiger und schwerer als der Angriff. Zum ersten Male griff der Russe an, wohlvorbereitet, mit zehnfacher Übermacht. Majaki haben wir gehalten. Überstandene Schrecken hämmern in den Schläfen. Wer diesen Winterkrieg übersteht, darf getrost dem Alter und dem Tod entgegensehen. Ich glaube nicht, dass es auf Gottes Erde noch etwas gibt, was ihm Furcht einflößen könnte. Wir müssen jetzt schweigen mit den Toten, bis uns die Zungen durch Sonne und Licht wieder gelöst werden. Die Seele wird unendlich weit, sie spannt sich zwischen Leben und Tod zu ihren äußersten Grenzen.“
Am 06.03.1942 berichtete er nach Hause (a.a.O., S. 159):
„Russland und dieser endlose, unheimliche Krieg bringen die tiefsten Schichten des Daseins in Aufruhr. Uns alle durchbebt das Bewusstsein einer ungeheuren Weltenwende. Am oberen Donez ist seit drei Tagen ein Abflauen der Kämpfe eingetreten. Vielleicht sind beide Parteien erschöpft. Jetzt, wo es seit Tagen schneit, hat die Natur versöhnend über die blutigen Spuren des Kampfes mit sanfter Gewalt das reinste Weiß gelegt, und es hat plötzlich den Anschein, als gehörten die Kämpfe einer sagenhaften dunklen Geschichte an. Gräber sind verschneit, die Namen nicht mehr zu lesen, Granattrichter eingeebnet. Wo ein Weg war, breitet sich endlose Fläche. In Russlands ungeheurer Weite gibt es kein Halten. Taten, Einzelschicksale verhallen im Grenzenlosen; eine schmerzliche und doch wohltuende Erfahrung. Möge die Zeit kommen, wo ich Zeugnis ablegen kann von dem, was die Menschheit gelitten hat. Lieber Vater, ich glaube nicht, dass in Deutschland heute irgendeine künstlerische Tat der Leistung eines einfachen Soldaten gleichkommt, der im Trommelfeuer in aussichtsloser Lage seine Stellung hält. Dieser unbekannte Soldat schreitet wieder in namenloser Größe über die Schlachtfelder, wie zu Zeiten des ersten Weltkrieges. Ungenannt, nur von wenigen Kameraden gesehen, schweigend, stirbt er einsamsten Tod, geht er hinüber ins Unerreichbare; seine Gebeine nimmt der Osten in seinen Abgrund auf, als sei nichts gewesen. Bleiben wir einander treu verbunden. Es ist noch ungewiss, wann wir uns wiedersehen. Tröste die liebe, gute Mutter. Erhalten wir uns Gottvertrauen und Zuversicht.“
In einem Brief vom 09.03.1942 berichtete er über seine toten Kameraden (a.a.O., S. 159):
„Die Bilder gefallener Kameraden ziehen vor meinem Auge vorüber mit den furchtbaren Wunden. Vom grauen Mantel zugedeckt, in der Kälte frühzeitig erstarrt, stumm und leblos liegen sie da, mit den vom Frost zerfallenen Gesichtern und lichtlosen Augen. Selten konnte sich das Lächeln der Erlösung noch um die Mundwinkel legen; ein erbarmungsloser, harter Tod. Nach manchen Kampftagen lagen lange Reihen nebeneinander. Jede Stunde war erfüllt vom Zwielicht des Todes. Vergessen wir nie die Gesichter dieser Toten und Lebendigen. Was wir hier sehen, ist das Antlitz des russischen Krieges, und vielleicht der letzte, unerreichbare Ausdruck unserer Zeit.“
Günter von Schevens letzter Brief stammt von seinem Todestag, dem 21.03.1942 (a.a.O., S. 160):
„Nach einem Marsch durch die Schneewüste haben wir die kleinen Lehmhütten wieder erreicht. Unerbittlich bleibt der Frost, 20 Grad halten sich bei den stetigen Ostwinden, lange Schneewehen und tiefer, feiner Neuschnee hüllen uns ein. In der Luft wirbeln Eiskristalle, das Weltall scheint der Erstarrung anheimzufallen. Wir sind geschützt und auch hart geworden. Deine letzten Grüße kamen wie ein Strom von Wärme und Licht zu mir mit vertrauten und lieben Bildern aus der Heimat. Die beiden Köpfe Michelangelos haben mich erschüttert. Dieser Prophetengeist weht auch in den höheren Sphären der Gegenwart. Was den Blick des Jeremias zur Erde niederzwingt, die Weltschuld und das Gericht, das können wir heute ermessen. Wir bemühen uns selbst, die Tragödie der Zeit aus solcher Höhe zu betrachten…“
IV. Tod im März 1942
Günter von Scheven fiel am 21.03.1942 bei den Kämpfen um Karpowka im Raum Krasnograd.
(Titelfoto: Grabkreuze auf dem Soldatenfriedhof Ittenbach,
August 2025)
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