William Lee Preston, US Soldatenfriedhof Margraten.

Feldpostbriefe: Der US-Soldat William Lee Preston über eine Marschkolonne kriegsgefangener deutscher Soldaten nach Kriegsende (Veröffentlicht am 01.04.2026)

 

I.   Die 65. US-Infanteriedivision im Zweiten Weltkrieg

Die 65. US-Infanteriedivision („Battle-Axe Division“) wurde am 16.08.1943 in Camp Shelby, Mississippi/USA aufgestellt. Sie landete im Januar 1945 in Frankreich und wurde im März 1945 an die Westfront zur 26. US-Infanteriedivision verlegt, wo beide im Bereich der Saar im Westwall kämpften. Nach Überschreiten des Rheins im März 1945 bei Oppenheim rückte die Division nach Süddeutschland vor, wo u.a. Regensburg und Passau eingenommen wurden. Im Mai 1945 überschritt sie die Grenze zu Österreich und bildete die Besatzung der Stadt Linz, wo sich ihr zahlreiche deutsche Soldaten, u. a. rund 10.000 Mann der 12. SS-Panzer-Division „Hitlerjugend“, ergaben, vermutlich um einer Gefangennahme durch russische Truppen zu entgehen. Am 09.05.1945 trafen Soldaten der Division bei Erlauf mit Soldaten der sowjetischen 4. Gardearmee zusammen.

 

II.   Brief des US-Soldaten William Lee Preston an seinen Bruder kurz nach Kriegsende

In der 65. US-Infanteriedivision kämpfte auch William Lee Preston. Er beobachtete kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Vorbeimarsch deutscher Kriegsgefangener, u.a. jugendlicher Soldaten der 12. SS-Panzer-Division, und teilte seine Gedanken in einem Brief seinem Bruder in den USA mit.

Er schrieb  ihm am 10.05.1945 (Quelle: Carroll, War letters, S. 279 ff. [Übersetzung aus der englischen Sprache]):

 

Lieber John,

der Krieg ist vorbei. Der Krieg in Europa ist vorbei. Ich kann es kaum glauben, denn es kommt mir vor, als hätten wir erst gestern unseren ersten Einsatz am Westwall gehabt.

Vor zwei Nächten, John, saß ich an einem offenen Fenster im zweiten Stock des Gebäudes, das mein Zug belegt, und hörte und sah über eine Stunde lang zu, wie deutsche Gefangene – Tausende von ihnen – unter mir auf dem Weg zu einem Kriegsgefangenenlager vorbeizogen. Ich lauschte dem Stampfen der Nazi-Stiefel, das nicht mehr im Gleichschritt erfolgte, nicht mehr stolz voranschritt, sondern von einer geschlagenen, müden Horde deutscher Soldaten ausging – die kapituliert hatten.

Ich erinnerte mich an die vielen Bilder und Wochenschauen, die ich von der deutschen Wehrmacht bei Paraden gesehen hatte, während Tausende jubelnder Zivilisten das Spektakel vor Adolf Hitler verfolgten. Sie waren die »Herrenrasse« – damals die besten Soldaten der Welt. Ich sah sie mir jetzt an – hungrig, die Schultern gebeugt unter der schweren Ausrüstung auf ihrem Rücken, die Uniformen schmutzig und mit einem gequälten Ausdruck im Gesicht. Hitlers Soldaten marschierten vor den Yankees auf, und die G.I.s sahen aufmerksam zu. Dann erinnerte ich mich an die Szene, die ich mit denselben Soldaten erlebt hatte – sie hatten auf ihrem Rückzug eine Spur von Toten und Sterbenden hinterlassen, von Cherbourg bis zum Westwall, vom Rhein bis nach Österreich. Ich hatte sie auf Straßen, in Gräben, auf Feldern liegen sehen, wo immer wir hinkamen – manchmal mit G.I.s in ihrer Nähe. Und dennoch kamen sie auf der Straße unter mir herauf, vier Mann nebeneinander marschierend.

Vor zwei Nachmittagen sah ich eine weitere Gruppe, einen Zug von Hitlers SS-Truppen, die sich ergeben hatten. Ich beobachtete, wie Militärpolizisten sie in ein Gefangenenlager brachten. Sie trugen noch immer ihre Abzeichen, den Totenkopf, doch sie waren nicht mehr arrogant; ihr Stolz war mit der Kapitulation verschwunden. Hitlers Elitetruppen mit den Abzeichen, die für die Menschen in Europa jahrelang Terror und Folter bedeutet hatten. Und nicht nur für die Europäer, sondern auch für amerikanische Soldaten, die sich ergeben hatten. Und nun sah ich, wie sie anhielten, um sich auszuruhen, und war erstaunt, als ich sah, wie sie G.I.s um eine Zigarette, um eine Zigarettenkippe bettelten. Wir hatten das Gefühl, auf sie spucken zu wollen. Der Schrecken Europas – um eine Zigarette bettelnd. Wie sich die Dinge ändern. Die Militärpolizisten trieben sie wieder weiter. Sie gingen mit gebeugten Schultern, gesenkten Köpfen und auf den Boden gerichtetem Blick – gebrochen. Ich war froh, sie so zu sehen. Wir verspotteten sie nicht, als sie vorbeikamen, denn unser Hass war tiefer als Spott.

Eine weitere Kolonne deutscher Soldaten kam vorbei. Ich war verblüfft. Kannst Du Dir vorstellen, dass Kent Lawrence, Jo und Männer in Papas Alter für Amerika in den Krieg gezogen sind? Die meisten von ihnen waren 14, 15, 16 Jahre alt, mit dem einen oder anderen älteren Mann in der Kolonne. Die Jugendlichen waren die Hitlerjugend, fanatische Jungen, die für den Führer kämpften. In Amerika lesen Kinder im gleichen Alter hoffentlich Superman und gehen zur Mittelschule. Doch diese deutschen Jungen waren alte Soldaten, Kriegsgefangene. Eine Schande, da stimme ich zu, aber bezeichnend für die verzweifelten Maßnahmen, die die Nazi-Führer in einem letzten verzweifelten Kampf gegen uns ergriffen.

Ja, der Krieg in Europa ist vorbei. Ich weiß nicht, wie die Reaktion in den Vereinigten Staaten insgesamt war. Über ein notdürftig repariertes Radio hörten wir, dass von den Gebäuden in New York Konfetti und Papier herabregneten. Wir hörten, dass es in den Straßen Londons wilde Feierlichkeiten gab, an denen Zivilisten sowie englische und amerikanische Soldaten teilnahmen. Aber, John, die Truppen an der Front feierten nicht. Die meisten Männer lasen lediglich die Nachricht vom Sieg aus dem Divisionsbulletin, das an die Truppen geschickt wurde, sagten etwas wie »Ich bin froh« und gingen weiter. Vielleicht war es in ihren Herzen eine andere Geschichte, oder vielleicht waren sie zu müde, dachten zu sehr an zu Hause oder an ihre Kameraden, die den Sieg nicht mehr erleben durften, um groß zu feiern oder ausgelassen zu sein. Aber eines weiß ich sicher – die Truppen waren froh, dass sie nicht mehr kämpfen mussten – ich war es jedenfalls.

Wie unsere Zukunft aussehen wird, wissen wir nicht, aber alle machen sich wegen der Truppenbewegungen im Südpazifik große Sorgen.

 

Viele Grüße an Eleanor und Troy.

Dein Bruder,

Bill

 

P.S. Einige der Jungs, die mit mir Camp Shelby verlassen haben, haben den Tag des Sieges in Europa nicht mehr erlebt. Andere, die früher zu meiner Kompanie gehörten, liegen in Krankenhäusern in den USA, England und Frankreich. Ich bin dankbar, John, dass ich hier sitze und dir schreiben kann, und ich bin immer noch ein sehr glücklicher Kerl. Ja, ich bin dankbar.“

 

III.   Lebensdaten

William Lee Preston, geboren am 11/08/1922 in Monroe, Walton County, Georgia, USA, gestorben am 19/04/1995 ebendort.

 

 

(Titelfoto: US Soldatenfriedhof Margraten/Niederlande,
November 2025)

 

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