Gedanken zum Krieg: Reinhard Mey, Soldat „Kai“ und das „verfluchte Feld der Ehre“ (Veröffentlicht am 12.03.2026)
I. Reinhard Mey und der Horror des Krieges
Ich habe auf diesem Blog wiederholt auf die Arbeit von Reinhard Mey und seine Lieder gegen den Krieg hingewiesen (vgl. z. B. hier und hier). Besonders berührend ist sein Bericht über die letzten Tage im Leben seines Schwiegervaters, der als junger Mann im Zweiten Weltkrieg in Russland kämpfen musste und der den während seiner gesamten Lebens sorgsam verborgenen Horror seiner dortigen Erlebnisse angesichts seines nahenden Todes nicht länger zu unterdrücken vermochte.
Im Rahmen eines Live-Konzerts im Jahr 2008 berichtete Reinhard Mey hierüber wie folgt:
„Mein Schwiegervater war ein wunderbarer, lebenslustiger, witziger, humorvoller Mann. Und nur in den letzten Tagen seines Lebens war er verstört, war er verwirrt, war er ängstlich und schreckhaft und versuchte, sich von seinem Krankenlager zu befreien. Er versuchte, zu entkommen, weil er wähnte sich noch einmal im Krieg. Wähnte sich umstellt, umzingelt, angegriffen. Und so wurde er in den letzten Stunden seines Lebens nochmal von den Ängsten geschüttelt, die er 60 Jahre lang verdrängt hatte.
In den letzten Stunden seines Lebens war er auf einmal nochmal der Junge, dem man mit 20 ein Gewehr umgehängt hatte, um ihn nach Russland in den Krieg zu schicken. Der Krieg hatte ihn zerstört. Das hatten wir so nicht geahnt, weil er es unter seinem Witz und seinem Humor zu verbergen wusste. Erst, als seine Kräfte nachließen und er sich nicht mehr gegen die Bilder wehren konnte, die ihn quälten, ist es uns in dem Umfang klar geworden.
Der Krieg zerstört alle Menschen. Auch die, die scheinbar mit heiler Haut nach Hause kommen. Die mit heilen Knochen nach Hause kommen, weil der Krieg die Seelen der Menschen zerstört. Und das tut jeder Krieg. Das tut auch der Krieg, den sie uns gerade als unumgänglich, als richtig, als wichtig und gerecht zu verkaufen suchen. Die Damen und Herren, die nie selber hingehen müssen. Die nie selber im Dreck liegen, die nie selber zusammengeschossen werden, die nie selber mit eigener Hand gegen das Gebot »Du sollst nicht töten!« verstoßen müssen. Die unsere Soldaten in einen Krieg, in einen Konflikt schicken, und die dann dastehen und Krokodilstränen weinen, wenn sie in Zinksärgen nach Hause kommen.
Der Krieg zerstört alle Menschen. Der Krieg entlässt nur die Bonzen heil nach Hause.“
Worte, die auch im Jahr 2026 zu denken geben, in dem auch in Deutschland einmal mehr gerüstet und für die Teilnahme an Kriegen geworben wird, die den Umworbenen von den politischen Protagonisten – wie so oft – als „unumgänglich, als richtig, als wichtig und gerecht“ verkauft werden, gerade so, als hätte es den Zweiten Weltkrieg und die hieraus (vermeintlich) gezogenen Lehren nie gegeben. Wenn sich aber die Geschichte einmal mehr wiederholt, gilt dies auch die Folgen für die Menschen.
II. Wenn Familien ein Mitglied im Krieg verlieren
Diese Folgen umschreibt Reinhard Mey in direktem Anschluss an seine Ausführungen über die bedrückenden Kriegsfolgen bei seinem sterbenden Schwiegervater in seinem Lied „Kai“ (ab 1:50 der Aufzeichnung) aus dem Jahr 2007 über das Leben und den Tod eines während einer Hilfsmission abgeschossenen Luftwaffensoldaten und die Gedanken seiner Hinterbliebenen. Eine vollständige Sammlung der Liedtexte von Reinhard Mey ist auf seiner Website abrufbar, der Text zu „Kai“ findet sich auf S. 501.
Reinhard Mey – Kai
Ein Schreiben in einfühlsamen, klaren Worten,
Ein Herr vom Ministerium hat es überbracht.
Sie sollten es nicht aus dem Radio erfahren,
Die Meldung käme schon im Frühjournal um acht.
Mit einem Schlag ist nichts mehr wie es war, in dem stillen Reihenhaus.
Der Herr Minister spricht Ihnen sein tief empfundenes Mitgefühl aus!
Kai war auf diesem Flug
Und mit ihm drei Kameraden.
Vier Einschüsse im Bug,
Hatten Hilfsgüter geladen.
Still, in sich gekehrt, verschlossen,
Aus dem strahlend blauen Himmel geschossen.
Kai war auf diesem Flug.
Sie haben die Nachricht in den dunkelsten Ängsten
Schon viele Mal‘ erhalten und immer verdrängt.
Doch jetzt, wo sie da ist, erscheint ihr Handeln
Merkwürdig gefasst, wie von fremder Hand gelenkt.
Was wird man unter der Fahne heimbringen aus dem fremden Land,
Mehr als eine Erkennungsmarke aus einem Aufschlagbrand?
Kai war auf diesem Flug
Und mit ihm drei Kameraden.
Vier Einschüsse im Bug,
Hatten Hilfsgüter geladen.
Unbewaffnet in freundlichem Feuer
Als Erster Offizier am Steuer.
Kai war auf diesem Flug.
Im Haus überall Fotos in Bilderrahmen,
Mit der Schultüte am Tag der Einschulung,
Auf Klassenfahrt, beim Drachensteigenlassen
Und in der Uniform bei der Vereidigung.
Hätte sie ihm da doch nur den Hintern versohlt und ihn einfach eingesperrt im Bad.
Genau wie damals, als er bei Woolworth die Buntstifte geklaut hat!
Kai war auf diesem Flug
Und mit ihm drei Kameraden.
Vier Einschüsse im Bug.
Hatten Hilfsgüter geladen.
Plötzlich vom Radar verschwunden.
Was war da in diesen Sekunden?
Kai war auf diesem Flug.
Und lebendige Menschen in einem sich‘ren Parlament
Entsenden ein weiteres Truppenkontingent.
Mit Worten wie Beistand, die edel scheinen,
Wie Friedensmission und die doch nichts anderes meinen
Als: Wir schicken junge Menschen hinaus in ein Land,
In dem sie nicht willkommen sind, ihr Dienst nicht anerkannt,
Ihr Opfer nicht geachtet, ihre Uniform verhasst –
Ihr armen Kinder, wisst ihr, wofür ihr Euch verheizen lasst?
Gewalt wird neue Gewalt gebären,
Terror wird neuen Terror nähren.
Und wieder ziehen Mütter daraus keine Lehre
Und wieder schenken Väter Söhnen Spielzeuggewehre –
Es liegt nicht brach, es dörrt nicht aus, das verfluchte Feld der Ehre!
Kai war auf diesem Flug
Und mit ihm drei Kameraden.
Vier Einschüsse im Bug,
Hatten Hilfsgüter geladen.
Am Ende der Welt
In einem Mohnfeld zerschellt.
III. Lehre? Oder Leere?
Auch dieses Lied von Reinhard Mey bringt die Mechanismen des Krieges und die Folgen für die davon betroffenen Soldaten und ihre Familien zutreffend und in fast allgemeingültiger Form auf den Punkt. Das vermeintliche „Feld der Ehre“ bedeutet für die Betroffenen kaum je mehr als Tod, Leid und Zerstörung; selbst die Überlebenden bleiben für den Rest ihres Lebens gezeichnet. Auch beim nächsten Mal wird dies nicht anders sein. Auch dann wird gerade in Deutschland wieder einmal niemand sagen können, „von nichts gewusst“ und „dies nicht gewollt“ zu haben.
(Titelfoto: Grabkreuz auf einem deutschen Soldatenfriedhof im Ausland,
Dezember 2025)
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