Gedanken zum Krieg: Die Ansprache des ehemaligen deutschen Soldaten Johannes Uhr zur Bedeutung des Gedenkens an die Opfer von Stalingrad, September 1988 (Veröffentlicht am 13.01.2026)
Die Schlacht von Stalingrad
Für Deutschland und die Deutschen war die Schlacht von Stalingrad ein Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund der bis dahin erzielten raschen Erfolge und dem ihnen politisch vermittelten, nur zu gern verinnerlichten Weltbild von der universellen deutschen Überlegenheit, hatte der Großteil der deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung einen Erfolg auch über Russland, als „asiatische Horden“ und Schlimmeres verunglimpft, für ausgemacht gehalten.
Es kam anders.
Die 6. Armee wurde in Stalingrad aufgerieben. Von den Schätzungen zufolge rund 300.000 ab November 1942 eingekesselten deutschen und mit ihnen verbündete Soldaten gerieten 110.000 in Kriegsgefangenschaft, nur 5.000 kehrten zurück. Ungeachtet der aussichtslosen Situation und der unzureichenden Möglichkeiten zur Versorgung der eigenen Truppen hatte die deutsche Führung strikt auf eine Fortführung der Kämpfe beharrt. Insgesamt fielen in der Schlacht von Stalingrad schätzungsweise 700.000 Soldaten, die Mehrheit davon Russen. Die Äußerungen in Stalingrad eingesetzter deutscher und russischer Soldaten wurden auf diesem Blog wiederholt wiedergegeben (vgl. z. B. die Feldpostbriefe hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier).
Stalingrad erlangte sowohl für die deutsche als auch für die russische Seite eine symbolische Bedeutung, die über das Kriegsende hinausreichte.
Das (schwindende) deutsche Gedenken an die Schlacht von Stalingrad
Auf deutscher Seite wurde gar ein Verein gegründet, der „Bund ehemaliger Stalingradkämpfer e. V. Deutschland“, unter dessen Beteiligung im Jahr 1964 auf dem Hauptfriedhof Limburg ein zentrales deutsches Denkmal zum Gedenken an alle in Stalingrad gefallenen und in der anschließenden Gefangenschaft verstorbenen Soldaten errichtet wurde.
An diesem Denkmal hielt Pater Johannes Uhr, ehemaliger Hauptmannes in einem Jäger-Regiment, zum Gedenken an die Opfer von Stalingrad am 18.09.1988 eine Ansprache, in der er u.a. Folgendes äußerte (Quelle: Schade-Bartkowiak, Sag mir, wo die Blumen sind, S. 150):
„…in diese, unsere Trauer, mischt sich eine tiefe und ernste Sorge um die Zukunft unseres Volkes.
Bemerken wir doch, wie mehr und mehr der Opfergang der 6. Armee in Stalingrad als solcher aus dem Bewusstsein der jüngeren Menschen schwindet, bzw. verdrängt wird und Stalingrad bald nur mehr als »der Anfang vom Ende der Hitlerherrschaft« gesehen und gewertet wird. Das dazugehörende bittere Sterben von einer Viertelmillion Menschen – Freund wie Gegner – scheint kaum noch eines Erinnerns und Bedenkens wert. Dies aber ist es, was uns beunruhigt.
Wird nämlich jenes geschichtliche Ereignis schief oder verengt betrachtet, ist es für die kommende Generation keine Hilfe ihre Zeit friedvoll zu gestalten. Der ehemalige DDR-Schriftsteller Kunze warnt deshalb eindrucksvoll vor solch einer unzulänglichen Geschichtsschreibung, wenn er schreibt: »Wer die Geschichte nicht kennt, ist verurteilt, sie zu wiederholen.«
Davor unsere Nachfahren zu bewahren, drängt uns, sie zu bitten, auch das unermesslich große Leid von Stalingrad zu sehen und auch unsere Toten nie zu vergessen, war es doch i h r bitteres Leiden und Sterben, das fraglos den ersten Anstoß zum Wandel im Denken der Menschen unseres Volkes bezüglich wert und unwert jeden Krieges gab.
Wer damals den tiefen Schock miterlebte, den die Hiobspost von der Wolga, sowohl an der Front, wie in der Heimat auslöste, der weiß darum. War es seinerzeit im ersten Weltkrieg nach Langemarck, Verdun, Cambrai oder Ypern noch möglich, das Grauen dieser Schlachten zu glorifizieren – das von Stalingrad nicht! Stalingrad löste im Volk in starkem Maße die Frage aus, ob Kriege überhaupt noch sinnvolle Mittel seien, Gerechtigkeit und Frieden zwischen Staaten und Völkern zu erwirken…“
Zum neuen deutschen Wert des Krieges?
Welches Bewusstsein hat die heutige deutsche Gesellschaft noch von dem damaligen hunderttausendfachen Sterben der Menschen in Stalingrad – Deutscher und Russen; Soldaten und Zivilisten; Männern, Frauen und Kindern – und in welcher Form wird die Erinnerung hieran wachgehalten?
Wenn der vorstehenden Ansprache zufolge u. a. die Erfahrungen von Stalingrad das Denken der Deutschen vom Wert zum Unwert des Krieges gewandelt haben und die regelmäßige Erinnerung diesen Wandel stützte, welche Auswirkungen hat dann das zunehmende In-Vergessenheit-Geraten(-Lassen) der damaligen Ereignisse?
Wenn damals in Stalingrad eingesetzte deutsche Soldaten schon im Jahr 1988 mit Sorge auf die Entwicklung blickten, besteht hierfür heute, nachdem die warnenden Stimmen dieser damaligen Soldaten für immer verstummt sind, umso größerer Anlass.
(Titelfoto: Gräber unbekannter deutscher und russischer Soldaten
auf dem Soldatenfriedhof Ittenbach, August 2025)
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